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Schwäbische Zeitung, 03.08.2009
Literatur im Zelt: Die Kuttner liest schneller als ihr Schatten
Egozentrisch, nassforsch und trotzdem irgendwie charmant: Die frühere Musikmoderation Sarah Kuttner hat am Freitagabend beim Kulturufer gezeigt, dass sie nicht nur schreiben, sondern auch schauspielern kann. Im Gepäck hatte sie ihren Roman "Mängelexemplar", ein Buch über Depressionen.
Keine Sorge, der Spaß kommt nicht zu kurz. Gäbe es eine Weltmeisterschaft im Kokettieren, Sarah Kuttner hätte sie gewonnen. Da freut sie sich, dass das Publikum applaudiert, als sie die Bühne betritt, und bedankt sich artig: "Ich habe immer Angst, dass keiner klatscht." Das muss man wissen über die Ex-MTVIVA-Moderatorin: Sie findet sich selbst unglaublich schräg, witzig und wichtig, tut so, als ob sie nicht auf die Anerkennung anderer angewiesen sei, will aber trotzdem allen gefallen. Dementsprechend gibt es nur Hassen oder Lieben, Sarah Kuttner lässt keinen kalt.
Ihr neues Buch "Mängelexemplar" ist keine lustige Sammlung wortreicher Kolumnen wie die beiden Werke vorher, sondern ein Roman über Depressionen. Auch hier wieder das Kokettieren: Man solle jetzt keine lustige Lesung erwarten, das Thema sei ernst, also bitte. Dass die allgemein als spaßige und freche Berlinerin bekannte Kuttner ein Buch ausgerechnet über eine psychische Krankheit schreibt, hat viele überrascht. Die Hauptperson heißt Karo, gehört zur "Ich mach auch was mit Medien"-Meute, hat ihren Freund abserviert und ihren Job verloren - und ein Stück weit auch sich selbst. Das sehr gemischte Publikum - vom Festivalgänger bis zum älteren Ehepaar ist alles vertreten - lacht trotzdem verdächtig oft. Sarah Kuttners Lieblings-Stilmittel war schon immer die Ironie. Das merkt man auch dem "Mängelexemplar" an.
Im Kern geht es zwar um Panikattacken, um Angstzustände, um Depressionen eben - aufbereitet ist das alles aber so, dass man es trotzdem gerne liest, sich vielleicht ein Stückchen wieder erkennt und das Quasi-Happy-End gerne in die Arme schließt. Die Generation Infotainment lässt schön grüßen: Bloß nichts konsumieren, was schwer verdaulich ist. Wissen anhäufen - gerne, aber bitte mit Spaß garniert. Wer sich ernsthaft mit dem Thema Depressionen beschäftigen will, greift wohl eher zum Psychologie-Handbuch.
Das "Mängelexemplar" ist natürlich Karo selber, und auch wenn Kuttner beteuert, das Buch beruhe auf Beobachtungen im Bekanntenkreis - mancher sieht darin auch viele Paralellen zur Autorin. Das Anstrengende, das Hibbelige - mindestens diese Eigenschaften teilen sich die beiden.
Und natürlich die Kraftausdrücke: Wenn sich die 30-Jährige die auf der Zunge zergehen lässt, scheint sie sich dabei zu denken: "Hui, ich habe Arsch gesagt - wie ungezogen, hihi!" Dass Kuttner dabei immer unverwechselbar nach Kuttner ("Der Fanclubleiter des kategorischen Imperativs") klingt und keinen "Feuchtgebiete"-Klon vorgelegt hat, muss man ihr hoch anrechnen. Wo Ex-Kollegin Charlotte Roche in die Tiefe geht, bleibt der Sex bei Sarah Kuttner so nett und naiv, dass er keinem weh tut.
Die große Stärke der gebürtigen Ostberlinerin liegt darin, wie sie ihr Umfeld beobachtet und der Sprachwitz, mit dem sie ihre Entdeckungen zu Papier bringt. Das Maschinengewehr-Mundwerk, das schneller liest, als Kuttners Schatten, macht ab und an Pause, nimmt sich in den traurigen Momenten zurück, um dann wieder auf typisch rotzige Art eine Zwischenmoderation einzustreuen.
Die Witzeleien über den "Hippiemarkt" beim Kulturufer und die Sprachschwierigkeiten, als sie "Häfler" sagen will, werden ihr die meisten verzeihen, spätestens, als sie nach der Lesung Bücher signiert und - etwas widerwillig, wie sie selbst sagt - für Fotos mit den Fans posiert.
Und da ist sie wieder, die Koketterie: "Ich signiere lieber meine Bücher, als irgendeinen Rucksack." Mangelnde Ehrlichkeit kann man Sarah Kuttner nicht vorwerfen.
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