Blond, 19.06.2008

Sarah Kuttner

In deiner neuen Sendung „Kuttners Kleinanzeigen besuchst du Menschen, die skurille Anzeigen inseriert haben. Warum sollen wir uns das anschauen?
Niemand muss sich irgendwas ansehen. Aber ich finde die Sendung toll, und es sind wirklich merkwürdige Anzeigen und Geschichten dabei. Es gibt da zum Beispiel eine Frau, die jemanden sucht der ihr aus den Haaren ihres Hundes einen Pulli strickt.

Das ist doch widerlich!
Ja, fanden wir auch. Und dann stellte sich aber heraus, dass die Frau gar kein Freak ist, sondern eine echt lebenslustige End-Dreissigerin ist und die Idee, einen Pulli aus Haaren ihres Hundes zu tragen, einfach nur witzig findet. Und das ist der einzige Grund für das Ganze, der das ganze Thema irgendwie wieder entschärft.

Hast du noch mehr von solchen absurden Kleinanzeigen in petto?
Es gab da noch eine Anzeige, und zwar hat jemand Tierbestattungen angeboten. So richtig mit Sarg und Abschiednahme. Und da waren wir auch dabei, wie ein Hund beerdigt wurde. Oder eine Frau, die ihren Esel sucht.

Wann lässt man lieber die Finger davon?
Wenn die Menschen dahinter offensichtlich psychisch krank sind. Das merkt man oft natürlich erst im Vorgespräch. Dann will ich das nicht drehen, um sie nicht vorzuführen. Vielleicht auch, weil ich einfach nicht damit umzugehen wüsste.

Und eine Frau, die aussehen will wie ihr Hund, ist nicht verrückt?
Nein, die möchte doch nur einen ausgefallenen Vintage-Look.

Die Sendung läuft erst ab 23:30 Uhr. Wer soll das gucken?
Ich finde die Sendezeit toll, denn ich bin kein Prime-Time-Mädchen. Ich kann einfach niemandem eine Top-Quote garantieren, daher fühle ich mich bei diesem Sendeplatz sehr wohl. Ich bin zusätzlich auch einfach nicht besonders karrierefixiert.

Sondern?
Ein eher faules Mädchen, das keine grosse Lust hat, sich um Ruhm und Ehre zu kümmern. Ich bin einfach nicht ehrgeizig genug. Solange ich Geld verdiene und mache, was ich gut finde, bin ich wirklich glücklich. Und daher auch immer wieder positiv überrascht, wenn den Menschen mein Name trotzdem immer noch ein Begriff ist. Dann habe ich irgendetwas richtig gemacht.

Nach dem Absetzen der „Sarah Kuttner Show“ vor zwei Jahren, gab es dann eine Zeit der Krise?
Klar, auf eine gewisse Art schon. Ich war mit der Show so eng verwachsen und fürchterlich involviert. Meine gesamte Redaktion war wie eine -kleine, merkwürdige Familie für mich. Es hat mir Sicherheit und ein gutes Gefühl gegeben, sie jeden Tag bei der Arbeit und privat zu sehen. Und plötzlich war das alles vorbei. Durch äussere Einwirkung. Baby weg, Familie weg. Das hat echt wehgetan. Ein Gefühl wie Liebeskummer.

Das nennt man dann wohl eine emotionale Krise.
Vermutlich. Hat nicht jeder zweite Deutsche -Verlustängste, jeder zehnte Depressionen? Wenn einem Sachen weggenommen werden sollen, bekommt man Schiss. Da bin ich nicht anders oder stärker als der Durchschnittsbürger.

Warum also nicht auch mal eine Therapie machen?
Finde ich auch. Du kannst nun mal überall am Körper krank werden, warum also auch nicht im Kopf. Eine Therapie kann aber auch ein Teufelskreis werden. Zu viel über sich zu wissen, ist auch nicht erstrebenswert. Aber es schadet nicht zu verstehen, weshalb man in bestimmten Situationen immer wieder auf eine bestimmte Art reagiert.

Bist du schnell gelangweilt?
Oh ja, das ist ganz schrecklich. Ich kann mich nur schlecht entspannen. Ich fange dann oft an zu kippeln oder klopfe mit dem Finger auf den Tisch. Das ist sogar bei Massagen so. Die ich übrigens erst vor zwei Jahren entdeckt habe. Da tickt wieder das kleine Ost-Mädchen in mir. Einen Sack voll Geld zu Hause, aber nie darüber nachgedacht, dass man so was auch machen kann. Und immer wenn ich dann da liege und mich entspannen sollte, habe ich Kopfkino galore. Ich bin so ein Freak manchmal.

Wie wichtig sind dir Freunde?
Sehr wichtig. Zu wissen dass jemand da ist, dem ich wichtig bin, ist ein irres Gefühl, und umgekehrt fühlt es sich grossartig an, wenn einem andere sehr am Herzen liegen. Ich bin ein grosser Fan von Verbindlichkeiten. Das hat manchmal zur Folge, dass ich Freunde nahezu bemuttere. Wenn es -denen schlecht geht, will ich helfen, da sein, pflegen, Tee kochen, deren Feinde verprügeln und alles wieder gutmachen. Ich bin dann immer ganz verwirrt und enttäuscht, wenn das nicht jeder in meinem Tempo in Anspruch nehmen will. Daran muss ich vermutlich ein wenig arbeiten, das kann andere nämlich ziemlich unter Druck setzen.

Wie macht man eine Sarah Kuttner glücklich?
Ich freue mich riesig über unerwartete Liebenswürdigkeiten. Heute morgen bin ich ins Bad gekommen, und da hatte jemand schon Zahnpasta auf meine Zahnbürste getan. Wie zauberhaft ist das bitte?

Was kannst du nicht so sehr an dir leiden?
Meine Mutti-Art. ,Willste nicht lieber ’ne Jacke anziehen, draussen ist es echt kühl!‘ Das schreckt meine Freunde manchmal ein wenig ab. Dabei meine ich es immer ausschliesslich gut. Ich bekomme viel zu selten mal eine SMS, in der steht: ,Kannst du bitte kommen, ich brauche dich!‘ Weil ich mit ziemlicher Sicherheit schon eine geschrieben habe, wo drinsteht: „Ich kann echt jederzeit kommen, wenn du mich brauchst!“
* Und meine Ungeduld. Ich muss lernen, entspannter zu werden, den Ist-Zustand zu akzeptieren. Das tut dann auch viel weniger weh, und das ist dann nicht so anstrengend. Kann ich aber nicht. Wenn eine vermeintliche Ungerechtigkeit geschieht, ist in meinem Kopf Chaos, und ich verteile grosszügig Schuld. Statt mich abzufinden. Das bringt nichts, die einzige Person, für die es sich richtig beschissen anfühlt, wenn ich mich weiter aufrege, bin dann ich. Aber wenn mein Gegenüber nicht versteht oder einsieht, einen Fehler gemacht zu haben, macht mich das irre. Das kostet Energie, ich werde traurig, wütend, fange schlimmstenfalls an zu weinen.

Bist du misstrauisch?
Nicht so sehr. Ich bin manchmal viel zu naiv und gutgläubig. Das ist eher mein Problem.

Auf was stehst du überhaupt nicht?
Auf Small Talk. Einfach, weil ich es nicht beherrsche. Wenn mich etwas nicht interessiert, kann ich auch nicht überzeugend so tun als ob. Deswegen bin ich auf Partys ganz schlecht darin. Ich spreche höchstens 30 Sekunden mit Bekannten und muss dann direkt weiter. Irgendwohin, Hauptsache weg vom Party-Talk. Und Leute, auf die ich überhaupt gar keinen Bock habe, schmeisse ich auch sofort aus meinem Leben! Ich habe weder Platz noch Geduld für Idioten in meinem Leben.
* Ich wäre auch kein guter Manager, weil ich zu direkt dafür wäre. Alle Gefühle purzeln ungefiltert aus meinem Herzen. Mir würde etwas mehr Diplomatie ganz gut stehen. Vielleicht kann man die irgendwo kaufen.

Wenn man deinen Namen googelt, tauchen sämtliche Seiten auf, nur kein Myspace-Profil. Warum nicht?
Weil Myspace grosser Mist ist. Myspace funktioniert ausschliesslich für Leute, die etwas wollen. Die in irgendeiner Form eine Bekanntheit wollen oder Kontakte. Und all die Sachen, die Leute auf Myspace wollen, habe ich schon oder will ich nicht. Zudem finde ich die Selbstdarstellung dort ganz schlimm. Allein schon die Fotos die Menschen von sich online stellen, die zeigen immer nur, wie sie gern gesehen werden wollen, nicht wie sie sind. Ich finde, es gibt für niemanden auf der Welt, ausser junge Bands, die keinen Plattenvertrag haben, einen Grund auf Myspace zu sein.

Jetzt redest du dich aber ganz schön in Rage!
Zu recht! All die Mädels mit den grossen Sonnenbrillen, die sich, begleitet von dem Song „den ich grade höre“, dort selbst inszenieren. Das finde ich widerlich und zugleich auch erschreckend. Und dann dieses Freunde adden. Wofür denn? Wissen die nicht, wer ihre Freunde sind? Müssen die das immer erst im Internet nachsehen? Auf Myspace funktioniert Freunde adden ja eher wie Paninibilder sammeln. Je mehr, desto besser, je cooler die Freunde, desto cooler bin ich. Das ist armselig.

Dann doch gleich auf FickenVZ einloggen, oder?
Genau. Dann gleich auf die Zwölf und mit genauer Ansage: Möchte einen reingesteckt kommen, -bitte melden. Alles klar: Ich stecke dir einen rein. Und nicht wie bei Myspace: Ein super interessantes Foto hast du aber da!

Wie gehst du mit Kritik um?
Ich habe aufgehört mich zu googeln. Ich habe einfach zu oft ein schlechtes Gefühl wegen eines Jobs bekommen, den ich eigentlich gut gemacht habe, der aber von irgendwem im Netz runtergeschrieben wurde. Das musste aufhören.
* Ich denke dann auch schnell, dass ich vielleicht doch gar nichts kann. Ich glaube oft, dass ich der grösste Blender der Welt bin und ihr alle auf mich reinfallt.

Du Tiefstaplerin!
Nein! Der Gedanke rührt oftmals daher, dass das, was ich mache, mich meistens nicht anstrengt. Darum denke ich dann, wenn es nicht harte Arbeit ist, kann es doch keine Qualität haben. Natürlich ist das Quatsch, aber ab und zu beschleicht mich dieser Gedanke. Ich habe auch das Forum auf meiner Internetseite knallhart abgeschafft. Ich habe meinen Fans gesagt, ich finde euch alle nett, aber bitte sprecht irgendwo anders über mich. In einem Wald von Fremdmeinungen verliert man schnell das Gefühl für sich selbst. Und das darf unter keinen Umständen passieren.

Wie bist du mit dem Sido-Diss umgegangen?
Das fand ich nicht so schlimm, sondern eher lustig. Der Song an sich war ja etwas ziemlich Besonderes, Sido hat immerhin mit Herrenchor gesungen! Ich habe dafür sogar eine goldene Schallplatte bekommen. Und ganz angstfrei waren die ja auch nicht, man hat sich bei Aggro -Berlin grosse Mühe gegeben nirgendwo meinen Nachnamen zu erwähnen. Sogar auf der goldenen Schallplatte steht nur „für Sarah“. Aber im Grunde ist das nicht Ernstes zwischen uns, eher eine Art neckische Hassliebe. Sido ist schon irgendwie zauberhaft. Es gibt schlimmere HipHop-Feinde.

Hattest du keine Angst daraus könnte eine Hetzjagd entstehen. Denn die Passagen sind schon ziemlich krass. Ich darf zitieren: „Sarah, du bist eine Hure...!“
Doch, das war meine einzige Sorge. Dass so ein paar HipHop-Arschlöcher so Ku-Klux-Klan-mässig abgehen könnten. Ein Freund, der auf einem Sido-Konzert war, hatte mir erzählt, dass alle bei dem Song Feuerzeuge in die Luft gehalten und mitgegröllt haben. Dann wird es echt gefährlich, wenn die Schäfchen nicht mehr wissen, was der Onkel sagen will. Und was ist denn, wenn jemand richtig dumm ist und mich auf der Strasse sieht und mich in vorauseilendem Gehorsam absticht?

Hast du davor Schiss?
Komischerweise nicht. Das ist auch ein bisschen gefährlich. Wenn ich einen besoffenen Nazi sehe, würde ich ihn auch als besoffenen Nazi beschimpfen. Ich habe dann auch gern mal Oberwasser.

Hat Berlin auch Oberwasser?
Das kriege ich nicht mit. Ich bin ja in Berlin geboren, vermutlich die einzige, die hier noch lebt. Ich mag meine Stadt, so wie sie ist. In Mitte fühlt es sich manchmal ein bisschen so an, als hätte Berlin Oberwasser. Das ist mir aber auch egal, denn ich gehe da ja selten hin. Hier im Prenzlauer Berg ist es ziemlich entspannt. Hier sind halt irre viele Muttis unterwegs, aber das ist mir viel lieber, als anstrengende Menschen mit Von-Dutch-Kappen, die einem andauernd ,Ey, MTViiiiiiiiiii!‘ hinterherbrüllen.

Steht Berlin dieser aufgesetzte Glamour?
Ich habe neulich gelesen, dass Berlin wie New York in den achtziger Jahren wäre. Da kann eine Stadt aber auch mal schnell Oberwasser kriegen. Aber wie gesagt: Ich habe mein ganzes Leben lang hier gelebt, da bemerkt man die Veränderungen nicht so sehr. Ich finde die Stadt toll, weil sie schön und laut und viel ist und weil ich in ihr gross geworden bin. Ich war hier das erste Mal betrunken, verliebt und unglücklich. Diese Erinnerungen binden mich an Berlin, und in der Zwischenzeit können die anderen ja über die Stadt reden. Am lautesten reden sowieso die zugezogenen Honks. Und davon gibt’s ja inzwischen mehr als genug.

Aber wo sollen die ganzen Honks hin, wenn sie nicht mehr in Bielefeld bleiben wollen?
Ich würde ja auch nach Berlin ziehen, wenn ich nicht von hier käme. Man kann mit denen auch nicht schimpfen. Aber das sind immer die Leute, die so fürchterlich einen auf Szene machen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Berlin so ein kleines pummeliges Mädchen ist, das ständig gehänselt und betätschelt wird. Oder es wird versucht ihr Röhrenjeans anzuziehen, die ihr nicht stehen und auch nicht passen. Aber ich muss mir das ja auch nicht alles reinziehen. Ich bleibe lieber da, wo ich alles kenne.

Du bist also auch eher so das Stammitaliener-Mädchen?
Ja, ich bin einfach kein Fan von Veränderungen. Wenn die Nudeln in der „Trattoria Paparazzi“ am besten schmecken, gibt es keinen Grund, woanders welche zu essen. Und ausserdem landet man dann auch mal schnell im „White Trash“ oder „Grill Royal“. Und somit in Mitte und bei den Von- Dutch-Nasen.

Es gibt doch den Spruch: ,Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.‘ Würdest du dem beipflichten?
Ich kann verstehen, dass da was dran ist. Gerade weil man mit schönen Erinnerungen geht, dennoch hat man aber auch viel mehr Schmerzen. Anderseits ist es auch genauso ernüchternd loszulassen mit einer Sache, die man langsam vorn Karren gefahren hat. Aufhören ist immer scheisse. Und ich glaube auch, dass aufhören, wenn es am schönsten ist, nicht gut funktioniert. Das würde ja bedeuten, während des Orgasmus abzubrechen und das bringt ja nichts. Den richtigen Zeitpunkt zu finden, ist aber auch schwierig, weil wir alle Gewohnheitstiere sind. Vielleicht sollte man aufhören, wenn es langweilig wird.

Dann hören wir jetzt mal lieber auf, bevor wir uns noch langweilen.



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