hörBücher, 02/2008
'Ich will nicht denen hinterherlaufen, die zu faul zum Lesen sind'
Sarah Kuttner machte im Musikfernsehen mit unverblümter Sprache Furore, ist derzeit aber TV-Moderatorin im Wartestand und Aushängeschild einer Kampagne gegen Autobahnraser. Sie hat de schöpferische Fernsehpause für die Aufnahme ihres ersten Hörbuches genutzt. hörBücher traf die 29-Jährige in Berlin.
Frau Kuttner, in dem Buch Moomlatz von Iris Bahr, das Sie gerade einlesen, dreht sich alles mehr oder weniger um Sex. Reden Sie gerne über das Thema?
(lacht) Ehrlich, ich finde das Buch gar nicht so monothematisch. Es geht sowohl ums Reisen, sowie Kultur- und Landschaftbeschreibungen. Klar dreht sich auch vieles um die Versuche der Hauptperson, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Dennoch finde ich nicht, dass das Buch irre viel Sex- oder Fäkalsprache beinhaltet. So reden einfach Menschen – oder zumindest denken viele so. Iris Bahr hat ja ihre Gedanken aufgeschrieben. Sie redet ja nicht über Sex, sondern denkt – wenn auch öffentlich – darüber nach.
Dennoch wirkt die ganze Geschichte phasenweise ein wenig unglaubwürdig...
Geht mir gar nicht so. Iris schmückt das Ganze aus. Es steht ja auch nirgends geschrieben, dass alle Dialoge eins zu eins so passiert sind.
Einspruch – vieles soll autobiographisch sein.
Ich weiß, aber es spricht ja nichts dagegen, dass sie einiges verdichtet und auf Pointe trimmt. Dadurch wird die Geschichte ja erst unterhaltsam. Iris sucht halt jemanden, mit dem sie schlafen kann und reist dafür ein Jahr durch Asien. Sie beschreibt ja auch ganz menschliche Momente. Aus weiblicher Sicht finde ich das alles sehr realistisch.
Was war denn ausschlaggebend für Sie, das Buch zu lesen – vertraute Gedanken?
Genau!
Nein, das war eigentlich ein lustiger Zufall. Meine Freundin Nora Tschirner ist mit Iris zusammen in Deutschland auf Lesetour gewesen. Ich bin zu einer Veranstaltung gegangen, weil ich mir das angucken wollte. Anschließend waren wir zu dritt noch ein wenig aus. Ein paar Tage später rief mich Random House an, und fragte mich, ob ich Moomlatz als Hörbuch sprechen möchte.
Hatte Sie das am Tresen abgemacht?
Könnte man glauben, war aber nicht so. Random House wusste überhaupt nicht, dass ich Iris kennen gelernt hatte.
Wann hat bei Ihnen eigentlich der Selbstfindungs-Tripp eingesetzt?
Auf einem „Tripp“ war ich nie. Man verändert sich halt über die Jahre und findet dadurch vermutlich immer mehr zu sich selbst. Und weg fahren musste ich dafür erstrecht nicht. Ich bin überhaupt nicht der Typ für Reisen. Das ist mir völlig fremd, so weit zu fahren. Das reizt mich null. Wenn es nach mir ginge, würde ich gerne gebeamt werden. Ich finde selbst kurze Reisen fürchterlich. Außerdem habe ich mein erstes Mal knallhart durchgezogen – fertig.
Sie hatten also kein Jahr Asien nötig?
Dennoch: Wenn man Sie kennt und die Geschichte liest, passt beides irgendwie zusammen. Welche Parallelen sehen Sie zwischen sich und Bahr?
Ich mag ihre Offenheit und die Art, wie sie über Sexualität redet, denkt und schreibt. So bin ich auch. Allerdings eher mit Freunden und nicht in der Öffentlichkeit. Und so richtig kennen tut mich ja auch kaum jemand. Die Persönlichkeit „Kuttner“ ist ja eher ein Bild, das Leute im Kopf haben, wenn sie an mich denken, nicht das wahre Ich. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum der Verlag auf mich gekommen ist.
Das Direkte und die Offenheit in der Sprache?
Gibt es nichts, was Ihnen peinlich ist?
Das eine hat nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun. Wieso sollten mir nicht Dinge peinlich sein?
Jetzt bin ich neugierig...
Alles, was den meisten Menschen unangenehm ist. Ich möchte ungern auf der Straße stolpern, oder in einem Einkaufszentrum anfangen zu brechen. Ich versuche, nur offener damit umzugehen. So nach dem Motto: Ha, ha, da habe ich mich ja schön hingelegt...
Stimmt es, dass Sie gar nicht gerne lesen?
Nein. Ich lese nur nicht so gerne Zeitung. Bücher mag ich gern. Ich habe grade erst das Vor-dem-Schlafengehen-Lesen wieder für mich entdeckt. Das entspannt mich sehr.
Sie haben selbst zwei Bücher geschrieben. Wann können wir die als Hörbücher erwarten – von Ihnen gesprochen?
Nie. Ich würde mich damit irgendwie unwohl fühlen. Als würde ich noch mal extra Geld aus den Büchern herausquetschen wollen. Und warum sollte ich meine eigenen Bücher noch mal vorlesen. Wem bringt das was?
Kenner der Szene behaupten, dass Hörbücher Literatur denen näher bringt, die sonst nicht lesen. Sie würden also Leute erreichen, die sonst durchs Raster fallen...
Das mag sein, aber in meinem Fall ist das irgendwie übersichtlicher. Die Zielgruppe für die das Buch gedacht ist, hat es gekauft und gelesen, und damit ist das für mich gut. Ich habe nicht das dringende Bedürfnis so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Und denen, die zum Lesen zu faul sind, hinterher laufen, will ich nicht. Verschiedene Verlage haben mir diesbezüglich schon Angebote gemacht. Die habe ich alle abgelehnt.
Haben Sie denn Sprechervorbilder, mit denen Sie sich vorstellen könnten, ein Hörbuch aufzunehmen?
Nein. Ich hatte aber auch noch nie Vorbilder. Ich wollte nie wie jemand anderes sein, sondern so, dass ich selbst gut finde was ich mache. Ich hatte immer meinen eigenen Geschmack. Nachdem arbeite, lebe ich oder mache Witze.
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