Berliner Zeitung, 17.11.2007
Quatsch erzählt und Schnitzel gegessen
Die Moderatoren Jürgen Kuttner und seine Tochter Sarah über ihre erste gemeinsame Radiosendung und die Abwesenheit eines Konzepts dafür
Jürgen Kuttner, Jahrgang 1958, ist promovierter Kulturwissenschaftler, Künstler, Theatermacher und Moderator. 15 Jahre lang war er mit der Sendung "Sprechfunk" auf Radio Fritz zu hören. Seine Tochter Sarah, Jahrgang 1979, wurde 2001 vom Musiksender Viva bei einem Casting entdeckt und moderierte dort bis 2006.
Sie haben ab Sonntag eine gemeinsame Sendung auf RadioEins. Wer hat wen dazu überredet? Jürgen Kuttner: Keiner niemanden. Sarah Kuttner: Die Idee stand schon lange im Raum. Doch jetzt, nachdem es bei mir ein bisschen ruhiger geworden und mein Vater von Fritz zu RadioEins gewechselt ist, schien die Zeit gekommen, das einfach mal zu versuchen.
Herr Kuttner, Sie haben mal gesagt, Sie interessiere die Nische und nicht der Mainstream. Jetzt sind Sie bei einem Mainstream-Sender gelandet. Wie konnte das passieren?
Jürgen Kuttner: RadioEins ist nicht Mainstream. Und wenn doch, dann ist Fritz das auch. RadioEins ist der Versuch, intelligentes Radio für halbwegs erwachsene Menschen zu machen. Als berufliche Option war das immer interessant für mich. Was mich ein bisschen ärgert: Ich hätte meine Sendung gerne länger gemacht als Kohl regiert hat. Da fehlt mit jetzt natürlich ein Jahr. Andererseits war es bei Fritz zuletzt ja so: Ich bin fast 50 und die Anrufer waren 16. Das ist irgendwie toll, aber manchmal auch ziemlich schwierig.
Haben Sie ein Konzept für die Sendung?
Sarah Kuttner: Wir haben mehrfach zusammen gesessen, um darüber zu sprechen. Aber dann haben wir immer nur Quatsch erzählt und Schnitzel gegessen.
Gibt es wenigstens einen Plan?
Sarah Kuttner: Der Plan ist, dass wir uns ins Studio setzen, miteinander und mit den Hörern reden. Jürgen Kuttner: Das war ja auch beim "Sprechfunk" so. Und ich bin relativ stolz darauf, dass das 15 Jahre so funktioniert hat. Ich habe mich immer geweigert, etwas anders zu machen. Sarah Kuttner: Die Frage nach dem Konzept ist eigentlich völliger Blödsinn. Jedes Konzept, das mehr als einen Satz braucht kann, ist kein gutes Konzept. Was ist das Konzept einer Nachrichtensendung? Da werden Nachrichten verlesen. Das Konzept von "Frauentausch"? Zwei Muttis tauschen ihre Familie. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Jürgen Kuttner: Die Sendung wird eine gewisse Offenheit haben. Die Herausforderung ist, die erste Frage zu finden, für die man sich nicht schämt, und dann mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Und wenn man dann sonst wo landet, ist das toll.
RadioEins wirbt mit dem Slogan "Nur für Erwachsene". Frau Kuttner, wie erwachsen ist Ihr Vater?
Sarah Kuttner: Der kann Autofahren, der zahlt seine Miete, der kann sich allein anziehen. Der ist schon erwachsen.
Was heißt es für Sie, mit ihrem Vater eine Sendung zu machen?
Sarah Kuttner: Wir haben keine klassische Vater-Tochter-Beziehung, sondern gehen seit Jahren wie zwei erwachsene Menschen miteinander um. Wir lachen über die selben Sachen, wir finden die selben Sachen blöd. Wir können toll miteinander lästern. Es gibt so kleine Sorgen, die man sich macht. Aber nur, weil wir noch nie zusammen im Radio waren. Werden wir zu laut sein oder zu leise? Man will den anderen ja auch nicht verletzen.
Herr Kuttner, Sie haben 1995 Ihre Stasi-Kontakte öffentlich gemacht. Hat Ihnen das mehr genutzt oder geschadet?
Jürgen Kuttner: Einer abstrakten Idee von Karriere hat es eher geschadet. Was die direkte Kommunikation mit Leuten angeht, die mir wichtig waren, hat es nicht direkt genutzt, aber es gab eine andere Form von Intensität, ich hab' Leute anders kennen gelernt.
Haben Sie, Frau Kuttner, mit Ihrem Vater damals darüber gesprochen? Sie lebten damals bei Ihrer Mutter.
Sarah Kuttner: Ich erinnere mich, dass ich am Abend vorher darauf vorbereitet wurde, dass da was in den Zeitungen stehen würde. Und tatsächlich war eine Schlagzeile am nächsten Morgen "Auch ORB-Kuttner ein Stasi-Spitzel". Aber da wusste ich schon, was er wirklich gemacht hatte und wie und warum die Stasi-Kontakte zustande kamen. Am Ende zeigte sich ja auch, dass er niemandem geschadet hatte.
Spielt das heute für Sie noch eine Rolle?
Sarah Kuttner: Nein. Für mich ist klar: Papa war kein Stasi-Spitzel. Er hat mir das damals erklärt, seitdem haben wir auch nie wieder darüber gesprochen.
Sind denn für Sie, Herr Kuttner, Ost und West noch ein Thema ?
Jürgen Kuttner: Zum Mauerfall werde ich das ja immer wieder gefragt. Ich hab 30 Jahre in der DDR gelebt, bin dort zur Schule gegangen, habe studiert, geheiratet, Kinder gekriegt. Ich habe auch gar kein Interesse, was davon wegzuschmeißen. Und jetzt habe ich auch schon wieder 18 Jahre Erfahrung in einer anderen Gesellschaft. Das ist ja eigentlich ein Plus.
Gibt es zwischen Ihnen eine gewisse Grundübereinstimmung, was bestimmte Themen angeht: Politik, Gesellschaft?
Sarah Kuttner: Wir haben schon ähnliche Meinungen, auch wenn ich mich für Politik nicht so sehr interessiere. Ich gebe mir zwar immer wieder Mühe, aber mein Vater hat da viel mehr Ahnung. Und wenn er mir erzählt, dass sich jemand wie ein Idiot aufgeführt hat, da werde ich gleich noch wütender als er.
Das Gespräch führte Ralf Mielke.
Kuttner & Kuttner, sonntags, 21 bis 23 Uhr, RadioEins
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