V.i.S.d.P, 16.11.2007

'Wir haben uns irre lieb'

Familienzusammenführung mal anders: Jürgen Kuttner moderiert mit seiner Tochter Sarah ab Sonntag, den 18. November, den neuen wöchentlichen Radio-Talk �Kuttner & Kuttner� auf der RBB-Welle RADIO EINS. Wenn es dort so zu geht wie im V.i.S.d.P.-Interview, verspricht die Sendung sehr temperamentvoll zu werden.



Interview: Tobias Woidtke

V.i.S.d.P.: Herr Kuttner, wieso sind Sie nach 15 Jahren vom Jugendsender FRITZ zu RADIO EINS gewechselt? Hatten Sie genug vom Jugendwahn oder hatte der Jugendwahn genug von Ihnen?
Jürgen Kuttner: Wenn ich ehrlich bin habe ich seit fünf, sechs Jahren überlegt, ob ich nicht zu RADIO EINS gehen soll. Ich habe bis heute ein sehr sentimentales Verhältnis zu FRITZ und zu meiner Sendung �Sprechfunk�. Ich war immer sehr stolz, dass das eine Sendung war, die ich über 15 Jahre ohne Konzeptveränderung durchgezogen habe. Da ist mir der Abschied auch schwer gefallen. Es gibt ja auch RADIO-EINS-Hörer, die früher FRITZ-Hörer waren. Jetzt latsch� ich mal hinterher.

V.i.S.d.P.: Neben dem �Sprechfunk� sind vor allem Ihre Videoschnipsel-Vorträge auf der Volksbühne erfolgreich. Wäre da nicht ein Wechsel ins TV nahe liegend gewesen?
Jürgen Kuttner: Wenn jetzt einer käme und sagen würde: �Pass auf, hier haste `ne Stunde Sendezeit, mach was du willst, Donnerstag null Uhr bis einse, gibt nicht viel Geld, aber kannste Quatsch machen� � würde ich sofort zusagen. Aber dass ich da hingehen müßte und mir ein Konzept ausdenken und in der Maske herumsitzen oder mit Redakteuren, darauf hätte ich keine Lust.

V.i.S.d.P.: Frau Kuttner, Sie hatten reichlich Angebote von Fernsehsendern. Warum machen Sie jetzt Radio?
Sarah Kuttner: Auch wenn ich Fernsehen als meinen Job sehe, den ich gerne ausüben würde: Ich will halt einfach keinen Müll machen. Ich bin seit Monaten in Gesprächen mit verschiedenen Menschen und man fliegt manchmal auf die Fresse oder lässt andere auf die Fresse fliegen, weil man deren Quatsch nicht mitmachen will. Ich habe jetzt aber gar nicht das Gefühl, dass ich vom Fernsehen ins Radio wechsle. Diese Sendung ist so besonders, dass das Medium egal ist.
Jürgen Kuttner: Das wollte ich auch gerade sagen. Das hat mit dem Medium gar nichts zu tun. Wir sind beide so ein bisschen verliebt in dieses eigentümliche Konzept, man hätte das auch auf der Volksbühne oder im Fernsehen machen können. Aber das hier ist ein guter Ort.

V.i.S.d.P.: Was erwartet denn den Hörer bei �Kuttner & Kuttner�? Außer Kuttner und Kuttner.
Jürgen Kuttner: Zum Beispiel Musik von Kazuki Tomokawa oder Morio Agata. Die finde ich total toll. Das sind so Siebzigerjahre-psychedelische, japanische Hippies, die echt spitzen Musik machen.
Sarah Kuttner: Wir entscheiden, je nachdem wie wir Lust haben, welche Musik wir spielen. Ansonsten werden wir miteinander über die Welt reden und mit Hörern über die gleiche Welt oder eine andere. Dazu ein bisschen Musik. Eigentlich ganz schlicht.

V.i.S.d.P.: Werden die Sendungen vorgegebene Themen haben?
Jürgen Kuttner: Die eigentliche Kunst in so einer Sendung besteht darin, wirklich ins Gespräch zu kommen, da geht�s nicht ums Thema. Wir sind ja auch keine Repräsentanzmoderatoren, die auf der Suche nach der wirklichen deutschen Meinung zum gegenwärtigen Benzinpreis sind ...
Sarah Kuttner: Doch, doch, doch, ich bin eine Leitfigur der unter Dreißigjährigen!
Jürgen Kuttner: � sondern wir versuchen, die Leute dazu zu bringen, �ich� zu sagen, wirklich über Erfahrungen zu reden, die sie haben. Nicht über irgendwas, das sie gestern in der Zeitung gelesen haben, was wir vorgestern in der Zeitung gelesen haben. Das wäre Blödsinn. Wir sind ja nicht Maybrit Illner und René Obermann.

V.i.S.d.P.: Es wird also eine Personality-Show.
Sarah Kuttner: Wir können ja auch nicht anders. Das klingt immer abgeschmackt, aber wir sind einfach so wie wir sind. Wir sind beide nicht willens, oder vielleicht auch zu doof, jemand anderen zu spielen. Wir sind am besten, wenn wir beide ich sind ...
Jürgen Kuttner: Super Idee.
Sarah Kuttner: ... wenn wir wir sind! Insofern werden wir uns im Radio nicht verstellen, und unterm Strich wird�s im Radio so sein wie wir jetzt gerade sind, oder wie wir sind, wenn wir gerade vom Pinkeln wiederkommen.

V.i.S.d.P.: Besteht nicht die Gefahr, dass die Anrufer bei zwei Quasselstrippen überhaupt nicht zu Wort kommen?
Sarah Kuttner: Ja, na und? Nee, wir wollen ja von denen auch etwas wissen, die sind ja kein Schmückwert. Die rufen an, weil wir von denen etwas wissen wollen, deren �ich�.

V.i.S.d.P.: Kein Problem, innerhalb der Familie zusammenzuarbeiten?
Sarah Kuttner: Klar, wir sind Vater und Tochter und haben uns irre lieb und alles. Aber wir sind ja jetzt keine komische Fernsehfamilie, wo der Papa die Jungs verprügelt, mit denen die Tochter spät nach Hause kommt. Wir sind halbwegs auf Augenhöhe miteinander und machen jetzt eine Sendung zusammen. Ich finds nicht problematisch.
Jürgen Kuttner: Es ist ja nicht so, dass sie später mal die Firma übernehmen soll. Wir wissen schon sehr wohl, dass wir verwandt sind. Aber bei uns gibt�s genug Nähe und genug Abstand, um wirklich in ein interessantes Gespräch zu kommen. Wenn man nur Abstand hat, dann kommt man nicht ins Gespräch, dann haut man sich eher die Fresse ein und wenn man quasi identisch ist, dann weiß man vorher, was der andere sagt.




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