Die Welt, 17.11.2007

'Wir sind wie Howard und Wayne Carpendale'

"Wir sind wie Howard und Wayne Carpendale", behauptet Sarah Kuttner. Das ist die aus dem Fernsehen. Jürgen Kuttner ist der aus dem Radio. Und weil Jürgen Sarahs Vater ist, haben die beiden jetzt eine gemeinsame Sendung. Ein Gespräch über Väter, Töchter und den ganzen Rest.
WELT ONLINE: Sie machen zum ersten Mal etwas zusammen?
Sarah Kuttner: Beruflich, ja.
Jürgen Kuttner: Wir wollen schon präzise sein.
WELT ONLINE: Und wie ist das so?
Jürgen Kuttner: Na, wir sind selber sehr neugierig. Ich bin optimistisch.
Sarah Kuttner: Ich auch.
Jürgen Kuttner: So ein Gefühl der Vorfreude.
WELT ONLINE: Warum gerade jetzt?
Jürgen Kuttner: Ich hatte das immer im Kopf, dann gab es bei mir diese deutliche Zäsur von Fritz zu Radio Eins, und ich habe Sarah gefragt, ob sie sich das vorstellen könne. Gemeinsam. Die Konstellation finde ich interessant: Vater/Tochter, alter Sack/junges Huhn, Mann/ Frau, Ostler und MTV. Da hat man eine Menge komisches Material. Ich hab auch in ihren Sendungen und Büchern Sachen entdeckt, auf die ich selber nicht gekommen wäre. Und dachte, mit der würde ich mich mal gerne unterhalten.
Sarah Kuttner: Die möchte ich gern mal kennenlernen.
Jürgen Kuttner: Da habe ich halt das große Glück, dass ich direkt anrufen kann und mich nicht an das Management wenden muss.
Sarah Kuttner: Wobei mir das echt lieber gewesen wäre. Aber ernst jetzt: Die Idee gab es schon länger, etwas gemeinsam zu machen, meistens scheiterte das an der Zeit.
WELT ONLINE: Welchen Einfluss hatte Ihr Vater auf Sie?
Sarah Kuttner: Der Einfluss ist eher genetischer Natur. Wir sind uns in bestimmten Sachen sehr ähnlich. Das führte am Anfang der Arbeit auch zu Spannungen, weil er mir Tipps geben wollte, ich aber schon Bescheid wusste.
WELT ONLINE: Es ging bei Ihnen in die gleiche Richtung, Journalismus, Radio, Fernsehen.
Sarah Kuttner: Ich hatte aber nie das Gefühl, ich will so werden wie mein Vater. Und ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass ich auch nicht so bin, weil wir ganz schön unterschiedliche Sachen gemacht haben. Ich war bei Viva damals! Manche Leute haben sich die Haare gerauft, wie denn die Tochter von Herrn Kuttner zu Viva gehen könne.
WELT ONLINE: Haben Sie sich die Haare gerauft?
Jürgen Kuttner: Nö. Ich hab diese Beziehungsscheiße ja immer gehasst. Dieses „Hey, ich hab da 'ne Tochter, kann man die nicht irgendwie bei dir mitmachen lassen.“ Das hätte sie auch nie mit sich machen lassen. Ich hab einmal damals bei Fritz gefragt, ob sie ein Praktikum machen kann. Das war das Letzte, was ich gemacht habe.
Sarah Kuttner: Nach dem Praktikum hatten die vollkommen vergessen, dass ich deine Tochter bin. Der Chefredakteur sagte nur: „Wer ist denn die Kleine da? Die ist aber ganz gut.“
WELT ONLINE: Haben Sie unter dem berühmten Vater gelitten?
Sarah Kuttner: Nein. Jeder mochte ihn ja. Und augenscheinlich hab ich einen ganz okayen Job gemacht, so dass ich das Gefühl hatte, ich bin hier, weil ich ich bin.
WELT ONLINE: Hat Sie es genervt, als ihre Tochter berühmt wurde?
Jürgen Kuttner: Das war eher amüsant: Lange Jahre warst du die Tochter von Jürgen Kuttner und heute bin ich immer der Vater von Sarah Kuttner.
WELT ONLINE: Gemeinsame Erfahrungen, die Sie beide verbinden...
Jürgen Kuttner: In gewisser Weise schon.
WELT ONLINE: Haben Sie ein inniges Verhältnis?
Sarah Kuttner: Wir sind ja verwandt!
WELT ONLINE: Was heißt das schon, heute!
Sarah Kuttner: Es ist schon ein inniges Verhältnis. Wenn ich heule, werde ich umarmt, wenn er weinen muss, dann umarme ich ihn. Na ja, du weinst ja nicht! Wir sind füreinander da, müssen uns aber nicht dauernd sehen, oder?
Jürgen Kuttner: Ja.
WELT ONLINE: Welches Konzept hat die Sendung denn?
Jürgen Kuttner: Ich hab mir noch nie ein Konzept ausgedacht. Wir wollen die Leute nicht verarschen und lesen keine ausgedachten Witze vom Papier ab. Der erste Satz wird wohl sein: Was machen wir jetzt? Und dann werden wir uns irgendwie reinschleudern.
Sarah Kuttner: Das ist wichtig, dass wir nicht so Schmidt/Pocher-mäßig werden. Der Hörer soll uns beim Ausprobieren zuhören können. Das hat ja auch was Voyeuristisch-Charmantes.
WELT ONLINE: Aber man denkt doch auch über die Beziehung nach, die dann in die Öffentlichkeit getragen wird, oder nicht?
Sarah Kuttner: Schon. Aber wir wollen uns ja nicht gegenseitig in die Pfanne hauen.
Jürgen Kuttner: Das Problem ist, dass wir das als Problem nicht haben. Weil Sarah und ich genau wissen, was wir machen. Wir haben immer so gearbeitet, dass man in die Sendung geht, wie man ist. Ich hatte nie Angst vor privaten Fragen. Wir werden keinen Voyeurismus bedienen, aber ehrlich sein.
WELT ONLINE: Es gibt also keinen Unterschied zwischen dem Moderator Kuttner und dem Privatmann?
Jürgen Kuttner: Ich hab mir da etwas von den Kindern abgeguckt. Die haben früher immer vor dem Fernseher gesessen, Märchenfilme gesehen und gesagt: „Die bin ich!“ Irgendwer von euch hat aber irgendwann gesagt: „Ich bin ich!“
WELT ONLINE: Sarah Kuttner: Wirklich?
Jürgen Kuttner: Ja, aus Trotz. Das war einer der größten Sätze, die ich je gehört habe. Das war eine Frage der Haltung.
Sarah Kuttner: Hoffentlich war ich das.
WELT ONLINE: Im Fernsehen ist es schwierig, echt zu sein.
Sarah Kuttner: Ich kann verstehen, warum sich Moderatoren nicht soviel trauen, weil: Wenn du dich mehr traust, kriegst du keinen Job. Die Frage ist nur, ob man das mit sich vereinbaren kann. Wenn Sonja Kraus sich selbst mit sich vereinbaren kann, ist das vollkommen in Ordnung. Ich will es nur nicht machen, und deshalb habe ich grad keinen Job im Fernsehen.
WELT ONLINE: Die anderen Moderatoren spielen halt eine Rolle.
Jürgen Kuttner: Das ist schon so.
Sarah Kuttner: Ich glaube, manche Leute sind einfach anders als wir. Sonya Kraus ist einfach so. Die weiß sehr wohl, was die da macht, der hängen nicht umsonst die Brüste aus dem Kleid raus. Das Ding ist nur, dass sie keine anderen Ansprüche an sich hat, was ich nicht einmal schade finde, weil es mir egal ist. Ich hab nur andere Ansprüche, was ihr wohl auch egal ist, weil sie gutes Geld verdient.
Jürgen Kuttner: Ich finde das einen Luxus: dass man sich mit Dingen beschäftigen kann, die einen interessieren. Dass man sich nicht überlegen muss, was interessiert jetzt den Hörer.
Sarah Kuttner: Das eine ist eine Auftragsarbeit, das andere nicht. Und wir machen unser Buffet auf, und jeder kann sich was nehmen. Aber bei uns kann man nicht à la carte bestellen.
WELT ONLINE: Hat es eine Rolle gespielt, dass man sich jetzt auf Augenhöhe trifft?
Jürgen Kuttner: Das ist ein wichtiger Aspekt. Dass wir da souverän und gleichberechtigt reingehen. Das wäre vor sechs Jahren anders gewesen. Da wärst du mehr meine Tochter gewesen, darauf hätte ich keine Lust gehabt, und du, glaub ich auch nicht.
Sarah Kuttner: Da war ich auch erst kurz dabei. Seitdem hatte ich Zeit, rauszufinden, was ich kann und was ich mag. Ich bin jetzt erst fertig gereift, beruflich, quasi.
Jürgen Kuttner: Zeitweise ein bisschen überreif.
Sarah Kuttner: Du weißt schon, was ich meine. Jetzt bin ich erst bereit, vorher hätte das keinen Sinn gemacht.
WELT ONLINE: Sie hätten ein Kinderstar werden können...
Sarah Kuttner: Als ich sehr klein war, war ich mal bei einem Casting für einen Film. Das hat aber die Tochter von Frank Schöbel gewonnen. Da war ich sehr traurig. Aber ich glaube, es ist gar nicht so gut, Kinderstar zu sein. Da wird man ja noch verkorkster.
WELT ONLINE: Sind Sie verkorkst?
Sarah Kuttner: Ein bisschen. Ich glaube, ich wäre aber auch so ein bisschen verkorkst.
WELT ONLINE: Haben Sie sich gesorgt, als Ihre Tochter immer präsenter wurde, im Fernsehen, in der Öffentlichkeit?
Jürgen Kuttner: Das war schon schwierig, weil ich eben keine blöde Medienziege als Tochter haben wollte.
WELT ONLINE: Haben Sie mal gedacht, jetzt geht sie aber in die falsche Richtung?
Jürgen Kuttner: Nein, das nicht. Aber ich habe gedacht: Hoffentlich lässt sie sich nicht korrumpieren. Wenn sie in jeder Zeitung liest: hach, wie toll die ist, wie gut sie aussieht, wie klug sie ist. Ich wollte ihr immer sagen: Glaub das nicht, glaub das nicht...
WELT ONLINE: Sie ist nicht toll?
Jürgen Kuttner: Nein, das natürlich nicht. Man darf sich halt nicht auf Zustimmung verlassen.
Sarah Kuttner: Ich habe früh angefangen, nicht allen Leuten zu glauben, die mich toll finden. Außerdem fand mich immer nur die Hälfte toll. Die andere Hälfte hat mich gehasst, dass es mir die Schuhe ausgezogen hat.
WELT ONLINE: Das ist wahrscheinlich in dem Alter auch nicht leicht...
Sarah Kuttner: Das ist total zum Kotzen, natürlich. Aber so konnte ich nicht glauben, der tollste Mensch Deutschlands zu sein. Aber ich habe ja auch Freunde. Ich bewege mich ja nicht nur im Borchardt und gucke, ob Barbara Schöneberger gerade guckt.
WELT ONLINE: Wofür sind Sie ihrem Vater dankbar?
Sarah Kuttner: Für meine Gene. Und ich bin schon dankbar für die Zeit in London, wo er mich hingetreten hat. Ich bin einfach kein fleißiger Mensch und neige dazu, Unangenehmes einfach zu ignorieren.
WELT ONLINE: Aber es geht in der Sendung ja auch um das Vater/Tochter-Ding...
Sarah Kuttner: Klar. Wir sind wie Howard und Wayne Carpendale. Und ich bin mit Yvonne Catterfeld zusammen.
WELT ONLINE: Die sind auseinander.
Sarah Kuttner: Ach, wie schade!


Das Gespräch führten Jennifer Wilton und Torsten Thissen


zurück

Neuigkeiten
Termine
Vita
Fotos
Lesen
Presse
Freunde
Kontakt
Home