Märkische Allgemeine, 17.11.2007

Familiensprechstunde

Familiensprechstunde Tochter Sarah und Vater Jürgen Kuttner reden jetzt sonntags auf Radio Eins miteinander

ERIK HEIER

BERLIN Manchmal vermischen sich Zielgruppen, da kommt man vorher gar nicht drauf. Wie neulich in Hamburg. Angekündigt ist: „Kuttner erklärt die Welt“. Klare Ansage, sollte man meinen.

Das dachten auch drei Mädchen. Sarah Kuttner also, die ehemalige Viva-/MTV-Ikone, Geradeausschnellfabuliererin, derzeit oft mit ihren beiden Zeitungskolumnen-Büchern unterwegs und vor gut einem Jahr von den MTV-Schnöseln mit ihrer Late-Night-Show in die ewige Sendepause beordert. Trotzdem Kult. Oder auch deswegen, wer weiß.

Es kam aber Jürgen Kuttner, Sarahs Vater. Für seinen Videoschnipselvortrag: deutungsmächtig präsentiertes Fernseharchivzeug, auch Kult. Das lässt sich vom langjährigen „Sprechfunk“-Plauderer des RBB-Jugendradios Fritz sowieso sagen. Aber er ist eben nicht Sarah. Die Mädchen guckten betroffen.

„Also ick fand det rührend“, sagt Jürgen Kuttner.

Radio Eins macht also viel richtig. Am Sonntag fallen sich Vater und Tochter erstmals im Äther gegenseitig ins Wort. Die Sendung von 21 bis 23 Uhr heißt „Kuttner & Kuttner“. Das sollte hinreichend kenntlich sein für beide Zielgruppen. Soweit dazu.

Vergangenen Mittwoch am Berliner Admiralspalast an der Friedrichstraße. Vororttermin mit Sarah und Jürgen Kuttner. Auf dem Hof hat der RBB-Sender Radio Eins ein Außenstudio. Die Kuttners würden gern auch von dort aus senden, nicht nur aus Potsdam, aber eine einzige Telefonleitung ist zu wenig. Man will ja auch mit Hörern reden.

Vom Jugend- zum

Erwachsenensender

Das RBB-Fernsehen ist da, ein Radio Eins-Morgenmoderator auch. Marco Seiffert hat sich schöne Fragen notiert. Zu lange leider. Schon bei einem Kuttner ist es schwer, seine Sätze zu beenden. Bei zweien von der Sorte ist es fast aussichtslos.

Im Mai hatte Radio Eins-Wortchef Jochen Wittig mit Jürgen Kuttner auf den Mitteldeutschen Medientagen geplaudert. Ob Kuttner Interesse an etwas Neuem hätte? Von Fritz zum Erwachsenensender Radio Eins zu wechseln, mit seiner Tochter auf Sendung zu gehen. Jürgen Kuttner waren 15 Jahre „Sprechfunk“-Hörertalk genug. Mit knapp 50 wird man vielleicht auch einsam beim Jugendradio.

Von Sarah Kuttner lässt sich mit einigem Recht behaupten: ganz der Vater. Zumindest hinsichtlich kruder Satzkonstruktionen, einer Transrapidstrecke zwischen Gehirn und Zunge, einem Hang zu medienanarchistischen Aktionen.

Jürgen Kuttner drohte den Hörern seiner ersten „Sprechfunk“-Sendungen ein Roy-Black-Lied an, sollten sie nicht bei ihm anrufen. Sein Telefon blieb ruhig, also spielte er den Schlager „Ganz in Weiß“. Irgendwann fiel ihm auf, dass er seine Telefonnummer gar nicht angesagt hatte. Seitdem mag Kuttner übrigens Roy Black.

Sarah Kuttner legte sich in ihren Sendungen in eine Badewanne, voll bekleidet. Sie ließ sich vor der Kamera einen Weisheitszahn ziehen. In einer Grand-Prix-Moderation quatschte sie den netten Jörg Pilawa in Grund und Boden. Bei einer Prolltechno-Combo fiel ihr dabei nur ein: „Scheiße, Scooter!“

Rückblickend ist schwer zu datieren, ab wann Sarah Kuttner (28) nicht mehr vor allem die Tochter des Kultmoderators aus Ostberlin war, sondern Jürgen Kuttner der Vater der „Leitfigur der unter Dreißigjährigen“. Siehe die Hamburg-Geschichte.

Jürgen Kuttners Medienprominenz ist ein Wendeprodukt. Da gründete der Doktor der Philosophie die Ostausgabe der „taz“ mit, hatte plötzlich eine Talksendung im Radio, dann auch im Fernsehen. Sarah Kuttners größter Bruch im Leben ist bisher das Ende ihrer Show. Bei Jürgen Kuttner kam er Jahre früher, anders, härter: die Stasi.

Anfang 1995 gab er zu, 1977 bis 1983 mit den Schlapphüten geredet zu haben. Anders als die meisten aber ging Kuttner damit in die Öffentlichkeit, bevor eine Akte auftauchte. Kuttner stellte sich damals in der Volksbühne den Leuten, die Veranstaltung hieß: „Alles Stasi, außer Mutti?“ Es war der Versuch, das Thema in allen Grautönen zu diskutieren, nicht nur in Schwarz-weiß. Seine Akte wurde nie gefunden. Wahrscheinlich hat das seine Rückkehr in die Medien erleichtert. „Da müsste man mal ernsthaft drüber reden“, sagt Kuttner, „länger als zehn Minuten.“

Längst ist es aber wohl so, dass der Name des Vaters nicht mehr zwingend zur Personenbeschreibung der Tochter gehören muss. Und umgekehrt.

Nur ganz am Anfang von Sarahs Karriere griff Jürgen Kuttner ordnend ein. „Ich bin bis heute so entscheidungsunfreudig“, sagt Sarah Kuttner. Ihr Vater riet ihr, nach dem Abitur nach London zu gehen, vermittelte den Kontakt zum dortigen „Spiegel“-Korrespondenten, bei dem machte sie ein Praktikum. Der Vater mochte nicht ewig für sie Taschengeld berappen. Es muss ein ernsteres Gespräch gewesen sein.

Sarah Kuttner: „Da flogen McDonalds-Aschenbecher.“ Jürgen Kuttner: „Stimmt. Ich habe die geworfen, oder?“ Sarah Kuttner: „Ich auch.“

Wieder daheim, landete sie auch bei Fritz, wollte irgendwann ihre eigene Sendung, bekam aber keine. Trotz ihres Redetalents. Sie ging zum Moderatoren-Casting bei Viva, setzte sich gegen 1500 Konkurrenten durch. Dass Fritz ihr erst dann, als sie ein Viva-Gesicht war, doch eine Show anbot, ärgert sie immer noch.

Querköpfe, nicht Knallköpfe

Nach drei Jahren hatte sie ihre eigene Viva-Show. Eine Art weiblicher Harald Schmidt für die Jugend. Bis Viva von MTV geschluckt wurde. Dann zählten noch mehr Quoten, keine Meriten. In der letzten Folge im August 2006 zeigte sie den Mittelfinger in die Kamera. Sie heulte auch ein bisschen.

Konnte man überhaupt mit weniger als zwei Prozent Einschaltquote „Leitfigur“ sein? Sie grinst: „Lass mich doch mit meiner Quote in Ruhe!“

Ja, die Quote, das heilige Kalb. Beide versprühen eine erfrischende Wut auf die deutsche Fernseh- und Radiolandschaft, in der Flachsinn kopiert, nicht Geistesblitze kultiviert werden. In dem, anders als im Theater, Experimente kaum möglich scheinen. Selbst bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Beide regen sich auf dabei, sie rudern mit den Armen, sie fallen sich gegenseitig ins Wort. Die Quizshow-Flut zum Beispiel.

„Was geht in den Köpfen der Redakteure vor?“, ärgert sich Sarah Kuttner. „Mich frustriert das auch“, findet Jürgen Kuttner.

Deshalb also jetzt Radio Eins. Wo man auch Querköpfe ans Mikrofon lässt, nicht Knallköpfe, wie auf anderen Kanälen so oft.

Beim Berlin-Brandenburger Sender rätseln sie noch darüber, was die beiden Kuttners eigentlich genau vorhaben. Ob es ein Konzept gibt. Jürgen Kuttner sagt: „Es gibt Leute, die haben ein Konzept, und es gibt Leute, die haben Selbstvertrauen.“ Das könnten lustige Sonntagabende werden auf Radio Eins.



Sonntags 21-23 Uhr, Radio Eins vom RBB.



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