Park Avenue, 07/2007

'Obst hat bei Fleisch nichts zu suchen'

Um diese Frau zu sehen, guckten auch die Dreißignochwas MTV. Wer heute die Moderatorin und Kolumnistin SARAH KUTTNER, 28, erleben will. muss sein Glück in Landgasthäusern suchen. Aber jetzt sitzt sie erst mal hier und denkt nicht in Biomöhren.
Christoph Wirtz

Automobilen Nutzern deutscher Fernstraßen ist es seit einigen Wochen nicht mehr möglich, Sarah Kuttner zu entgehen. Überlebensgroß stellt sie vom Autobahnrand aus die Intelligenz übermäßig eilender Verkehrsteilnehmer in Frage. Dabei guckt sie sehr streng. Wenn man oft an diesen Plakatwänden vorbeikommt und genau hinschaut, kann man ein bisschen Angst vor ihr bekommen.

Berlin, Dienstagabend, Husemann- Ecke Danziger Straße, Punkt 18 Uhr. In der „Trattoria Paparazzi“ sind die Pastateller vom Personalessen noch nicht ganz abgeräumt – Auftritt Frl. Kuttner. Sie ist eher mittelgut drauf, hat den ganzen Tag nur Gemüsesaft getrunken. Ideale Voraussetzung für ein Gespräch über den kulinarischen Verstand von Menschen unter 30. Zu deren "Leitfigur" (FAZ) avancierte die "Berufsjugendliche (ARD) unter anderem durch eine eigenen MTV-Show, fernsehöffentliches Zertreten von Käfern sowie Versteigern ihrer Fingernägel bei Ebay. Außerdem ist la Kuttner so etwas wie Gisela Schlüter der Generation Handyklingelton - sie redet ohne Punkt und Komma. Nur wie gesagt, ist ihre Stimmung heue etwas durchwachsen... Trotzdem: Menschen unter 30 und Essen - was sind die Stichworte? Schweigen. Zug an der Zigarette. Schluck Cola. „Ich bin unter dreißig. Ich esse. Meine Freunde sind auch unter dreißig. Die essen auch.“ Prima. Zweiter Versuch. Wie bescheuert sind Jugendliche, die über Wochen nur billige Dosenravioli essen, um sich vom so gesparten Geld hinterher völlig überteuerte Trendturnschuhe oder sonsitgen Markenfirlefanz zu kaufen? „Wieso bescheuert? Das ist doch völlig in Ordnung. Wer es schafft, sich Dosenravioli reinzuziehen, der hat meine volle Hochachtung! Wenn das einer wochenlang für ein einziges Paar Schuhe macht, dann mag der Schuhe eben ziemlich gerne und Essen offenbar nicht. Geht doch klar.“

Die „Trattoria Paparazzi“ am Prenzlauer Berg ist ein rustikales Restaurant mit karierten Decken, schlichten Holztischen und einer Cucina alla Mamma auf großen Platten. Die Wirtin heißt Doris Burneleit, sie führte einst das einzige Ristorante der DDR und ist mit einem äußerst feinen Sensorium ausgestattet. Dies versetzt sie einerseits in die Lage, großartige Pasta zu produzieren, andererseits ihre ziemlich spezielle Gästemischung in Schach zu halten sowie nötigenfalls an der richtigen Stelle elegant in ein Tischgespräch einzugreifen. „Ich bringe Euch jetzt erst mal ein Thunfisch-Carpaccio mit gebratenen Kapern. Dann entspannt sich die Stimmung hier etwas.“

Und tatsächlich! Ein bisschen Bruschetta, zwei Primi in Form eines wunderbaren Spargelrisottos mit Jacobsmuscheln sowie der legendären Malfatti (Ricotta, Spinat, gegrillter Knoblauch, geschäumte Salbeibutter, Parmesan) – und schon sieht die Welt ganz anders aus: Kuttner charmant, Autor entspannt. Noch mal zurück zum Thema. Wie ernst kann man Leute nehmen, die sich offenkundig um die elementaren Voraussetzungen ihres Lebens kaum Gedanken machen? „Ich glaube gar nicht, dass so wenig Wert aufs Essen gelegt wird. Es ist sicher nicht jeder so angenehm pingelig wie Du und ich. Die anderen essen aber doch auch alle. Vielleicht haben sie einfach einen anderen Geschmack.“ Geht es denn wirklich um Geschmack? „Klar. Die meisten essen zu Hause und vermutlich nur in den seltensten Fällen Papardelle. Da gibt’s Hausmannskost und Stulle. Und wenn man schon immer auf dem Dorf gewohnt hat, dann geht man mit Freunden, die auch im Dorf wohnen, eben höchstens mal zum Chinesen und isst Chopsuey und traut sich nicht an die verrückte Sache mit der Ananas ran – sehr zurecht wie ich übrigens finde, Obst hat bei Fleisch nichts zu suchen.“ Einverstanden. Und doch: Wie glaubwürdig sind Jugendliche, die sich bei Greenpeace und Attac den Kopf über die Rodung der Regenwälder zerbrechen und sich hinterher lecker Chickendöner aus der Turbomast reinpfeifen? „Ich glaube, dass ist vor allem eine Frage der Kohle. Es wird immer Dönerbuden geben, einfach weil es billig ist, da zu essen. Ich habe meine ganze Jugend lang auch Spagetti Carbonara für vierfünfzig gegessen. Und ich finde, dagegen ist nichts zu sagen.“ Nein. Aber es ist sehr wohl etwas dagegen zu sagen, dass einer Billigfleisch bei Aldi kauft, obwohl er sich anderes leisten könnte. „Wieso können die Leute denn nicht einkaufen, wo sie wollen? Das ist ja wie Steuern auf Süßes und Fettiges erheben.“ Im Gegenteil! Hier geht es um Essen mit Verstand im Bewusstsein um die ökonomischen, kulturellen, biologischen Folgen des eigenen Verhaltens. „Ganz im Ernst? Das ist mir leider total egal. Das macht mich vielleicht nicht zu einem besseren Menschen, aber so weit denke ich wirklich nicht. Essen ist erst mal Nahrungsaufnahme und als Energiezufuhr wichtig – und nicht, weil da noch Biobauern dahinterstehen. Ich denke einfach nicht in Biomöhren.“ Auch nicht in Bioschweinen? „Natürlich freue ich mich, wenn ich ein Bioschwein esse, weil ich dann denke: Puh, wieder alles richtig gemacht’. Aber es gibt Momente, in denen ich mit meinem Freund aufs Dorf fahre, weil wir ein gottverdammtes Rahmschnitzel mit Dosenchampignons essen wollen und dann frage ich die freundliche Kellnerin mit Sicherheit nicht, ob das ein Bioschnitzel ist. Essen hat für mich nichts mit Ideologie zu tun, da geht’s mir nur um die sinnliche Erfahrung. Mir ist manchmal auch wirklich egal, ob ich gute Qualität esse. Wenn mir was schmeckt, kann das von mir aus aus Schweinefett sein.“ Die Frage ist natürlich, ob dieser Ansatz nicht eigentlich nur Ausdruck von Bequemlichkeit ist. „Das ist beim Essen wie mit vielen Dingen. Ich fände es schön, wenn alle Lebensmittel plötzlich bio wären. Ich würde das gerne nutzen und auch bezahlen. Ich bin aber einfach nicht leidenschaftlich genug, da Vorreiter zu sein.“ Das ist wenigstens ehrlich. „Ja, aber es macht natürlich auch, dass man sich ein bisschen schlecht fühlt.“

Spätestens bei Scaloppine mit Beelitzer Spargel sollte sich das ändern. Zumal ja keiner weis, ob es sich dabei um das Fleisch wirklich artgerecht aufgezogener Tiere handelt. Schmecken tut es jedenfalls danach. „Mir ist Qualität im Sinne von Geschmack wichtig. Und ich hoffe, dass die Dinge, die wirklich gut schmecken, auch eine bessere Qualität haben. Aber das ist wirklich ein rein egoistisch-sinnliches Ding.“ Und wohl der einzige Weg, dem Billigfraß den Garaus zu machen. Nicht, weil er dicke Kinder, kranke Rinder und sonstige ökologische Kahlschläge aller Art produziert, sondern schlicht und einfach, weil er nicht schmeckt. Und weil Moralappelle noch nie gefruchtet haben. Also: Auf zur egoistischen Genussmaximierung auf dem Weg zu einer besseren Welt!



Trattoria Paparazzi
Husemannstr. 35
Tel: 440 73 33


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