IQ Style, 07/2007
Vielleicht bin ich eine EGO-Sau
Mit ihrer Personality-Moderation prägte Sarah Kuttner den Zeitgeist des Musikfernsehens maßgeblich mit. Jetzt verrät sie, warum sie ihre eigenen Ideen umsetzen konnte, wie sie ihren WEg rückblickend beurteiltund weshalb sie ihre zukünftigen Ziele weiterhin eher gelassen verfolgen wird.
Interview: Jan Schimmang.
IQ Style: Sarah, als Medienpersönlichkeit bist du seit vielen Jahren vielseitig präsent. Wann bist du zum ersten Mal mit der Branche, in der du jetzt arbeitest, in Kontakt gekommen?
Sarah Kuttner: Bewusst wahrgenommen habe ich sie eigentlich erst, als ich bereits wusste, dass ich zum Casting fürs Musikfernsehen gehen werde. So ein richtiger Musik- oder Radiofreak war ich nämlich noch nie. Ich war die durchschnittlichste Jugendliche der Welt und hatte nie eine richtige Vorstellung, wo es eigentlich lang gehen soll.
Aber wann wurde es konkret?
Als ich mit 20 in London ein Praktikum bei einem Nachrichtenmagazin gemacht habe. Da kam mir erstmalig dieser unangenehme Satz ins Bewusstsein „ich will irgendwas mit Medien machen“ – nur eben, dass es bei mir dann auch wirklich funktioniert hat.
Welche vermeintlichen Fehler hast du gemacht, die du jetzt rückblickend aus der Distanz gar nicht mehr als falsche Entscheidungen beurteilen würdest?
Ich habe schon das Gefühl, insgesamt ziemlich alles richtig gemacht zu haben. Viele Leute erwarten von mir, dass ich mein Shooting für dieses große Männermagazin bereue. Ist aber nicht so. Ich sehe das heute aber nur etwas anders, weil ich damals unterschätzt habe, was das für ein Schwänzchen nach sich ziehen wird.
Welches denn?
Na, dass in den Medien auf einmal hinter meinem Namen das Wörtchen „Playmate“ stand. Verrückt, als wäre das jemals ein Beruf gewesen! Und es nervt wirklich, wenn man Jahre später noch die eigenen Brüste unter die Nase gehalten bekommt, um sie zu signieren. Das mache ich übrigens aus Prinzip nicht.
Niederlagen und Siege sind meistens einfach zu benennen. Aber was war dein wichtiges Unentschieden?
Das ist mir zu abstrakt. Ich denke ich habe immer entweder gewonnen oder verloren.
Worauf musstest du zugunsten deiner beruflichen Entwicklung verzichten?
Auf kaum etwas. Vielleicht ein bisschen auf die viel zitierte Privatsphäre. Man ist eben nicht anonym, es guckt immer irgendwer irgendwie zu. Und jeder nimmt sich das Recht heraus, zu kommentieren und mir manchmal – im übertragenden Sinne – mitten ins Gesicht zu treten. Du kannst deswegen nur selten etwas wirklich nur mit dir selbst ausmachen.
Kannst du dich an bestimmte Ratschläge erinnern, die dich beeinflusst haben?
Ich wusste vieles instinktiv. Dass man zum Beispiel keine Kampagnen mit Boulevard-Zeitungen machen sollte, um dann an jeder Bushaltestelle zu hängen. Wer gut und wer böse ist, ahnte ich schon immer. Auch, was man machen kann und was man nicht machen sollte.
Was fandest du von dir selbst richtig mutig?
Vieles was ich in den zwei Jahren meiner eigenen Sendung gemacht habe fand ich mutig. Wir haben zum Beispiel mal eine ganze Show gemacht, ohne ein Wort zu reden. Oder wir haben mal statt Publikum 30 Hunde im Studio gehabt. Sowas kann auch schnell in die Hose gehen. Auf eine eigene Weise war damals die Moderation des Eurovision Song Contest auch mutig. Einfach dass ich mich getraut habe. Das alles war so groß und ich so klein...
Du hast dich selbst in verschiedenen Aufgaben bewiesen. Mit welcher Rolle identifizierst du dich am meisten?
Meine Berufbezeichnung ist Moderatorin. Jedenfalls werde ich in naher Zukunft nicht Schauspielerin. Und vielleicht bin ich eine Ego-Sau, aber ich mag das Format einer Personality-Show schon sehr. Viele Sachen gleichzeitig machen zu können: Interviews zu führen und Quatsch zu machen.
Was würdest du dabei als deine Stärke bezeichnen?
Den Mut zur Hässlichkeit vielleicht. Ich finde es wichtig und aufregend gesteuert Schwächen im TV zu zeigen. Ich möchte um Himmels willen nie irgendwo heimlich im Bikini fotografiert werden, aber ich würde jederzeit im meiner Sendung meine Cellulite zeigen oder mit verlaufenem Make-Up moderieren. Dazu zählt aber auch zuzugeben, wenn man etwas nicht kann oder weiß. Diese Ausbrüche aus der Perfektion des Fernsehens mag ich sehr und praktiziere sie deshalb gern.
Du bist damals, als deine Sendung eingestellt wurde sehr offensiv damit umgegangen ...
... ja, ich habe ganz ehrlich gesagt, was los ist. Nichts von wegen nach außen hin „ich gehe freiwllig“ kommunizieren, nachdem man hinter den Kulissen bereits seines Jobs beraubt wurde. Solche Absprachen gibt es im Fernsehen natürlich häufig, oft auch zum Schutz aller Beteiligten. Dieses Modell wollte ich nicht. Es wäre mir zu unehrlich gewesen und außerdem war ich dafür zu sehr beleidigt und enttäuscht.
Seit dem hast du dich ziemlich zurückgezogen.
Nun, in erster Linie deshalb, weil es kaum interessante Angebote gibt. Es regnet zwar nicht nur Scheiße, aber eben auch nicht gerade pures Gold vom Himmel. Ich glaube es ist eine schwierige Zeit im deutschen Fernsehen. In Tagen in denen diese schrecklichen Homevideo-Clips beliebter sind denn je, gibt es für das was ich kann und will einfach nicht so viel Platz. Und da bin ich dann auch stur und bockig und mache lieber nichts, als großen Mist. Bewusst zurückziehen würde ich mich wahrscheinlich erst, wenn ich ein Kind bekomme. Und das ist derzeit nicht geplant.
Was hat dich über die Jahre medial am Leben gehalten?
Dass ich, zumindest in meinen Augen, nie wirklich Müll gemacht habe. Darum habe ich mich immer bemüht. Selbst im Laufe einer so zarten Karriere kommt schon so unsagbar viel profitabler Schrott um die Ecke, dass man wikrlich aufpassen muss und sich nicht von Geld und Ruhm verführen lassen darf. Das habe ich immer ganz gut geschafft, finde ich.
Darf man sich zur Not nicht immer hinter der Ironie verstecken?
Nein, ich finde nicht, dass man das darf. Entweder man macht etwas oder nicht. Nichts ist schlimmer, als der Satz: „Das ist so scheisse, dass es schon wieder gut ist.“ Ich mag Ironie als Stilmittel natürlich gern, aber verstecken dahinter gilt nicht. Davon abgesehen sind Sarkasmus und Zynismus, die großen Brüder von Ironie, viel spannender zum spielen.
Wie viele Freunde von ganz früher hast du noch?
Zwei bis drei. Aber selbst, wenn man nicht bekannt ist, wechseln Freunde doch über die Jahre automatisch, oder? Wegen meines Jobs hat sich aus dem engeren Umfeld jedenfalls noch nie jemand von mir abgewandt.
Neid ist dir in diesem Zusammenhang also noch nicht widerfahren?
Nein, nicht von Freunden. Neid ist ja auch keine schlimme Sache. Missgunst schon.
Wo liegt da der exakte Unterschied?
Ich kann einer Kollegin neiden, dass sie einen wunderschönen Teint hat. Das ist Neid und völlig ok. Wenn ich ihr das aber nicht gönne, ist es Missgunst und kein guter Zug. Meiner Freundin Nora Tschirner neide ich ihr schauspielerisches Talent, gönne ihr aber all ihren Erfolg, und dann gibt es andere Schauspielerinnen, die auch toll spielen, bei denen ich es nicht gut finde, dass sie so weit gekommen sind. Das ist Missgunst. Namen nenne ich jetzt aber keine.
Googelst du dich regelmäßig selbst?
Nein, damit habe ich aufgehört. Aber neugierig bin ich schon. Und ehrlich gesagt, gelingt es mir nicht immer, standhaft zu bleiben. Denn es stimmt doch, dass einen Kritik immer verletzt und gleichzeitig auch interessiert. Das beeinflusst einen irgendwie schon ein bisschen, da kann man mir erzählen, was man will. Am besten wäre es, gar nichts über sich zu lesen. Ich arbeite gerade daran.
Inwiefern würdest du dich als eitel bezeichnen?
Ich mag mich soweit ganz gern, bin aber trotzdem keineswegs selbstverliebt. Wenn ich mich selber nicht mögen würde, hätte ich doch ein enormes Problem, nicht wahr? Aber ich kenne mich und weiß, was an mir nervt. Eitel bin ich nicht mehr als nötig. Ich schminke mich so gut wie nie, benutze keinerlei Haarprodukte und sehe auch nicht ständig in Spiegel oder Fensterscheiben.
Würdest du zukünftig gerne mal eine ganz andere Richtung einschlagen?
Nein, das, was ich bis jetzt gemacht habe, ist für mich noch lange nicht abgeschlossen. Ich bin diese Richtung ja eigentlich grad erst eingeschlagen und auf diesem Weg fühle ich mich zuhause und wohl. Ich habe jedenfalls noch nicht das Bedürfnis „endlich mal ganz was anderes zu machen“.
Welche Teile deines Publikums hast du mittlerweile verloren, welche wirst du demnächst dazu gewinnen?
Natürlich wünscht man sich, dass das Publikum nicht so viel jünger ist als man selbst, gut aussieht und ungemein lässig daher kommt. Aber das mit dem Wunschpublikum ist natürlich absoluter Blödsinn. Ich glaube, dass man Leute nur verliert, wenn man sich zurück entwickelt. Wenn man sich wie ich weiter entwickelt, gewinnt man stattdessen eher neues Publikum hinzu.
Aber man wird immer ein bestimmtes Verhältnis zu seiner persönlichen Zielgruppe aufbauen müssen, oder?
Ich weiß nicht... Mich verwirrt es immer wenn Kollegen diese dankbaren Phrasen von sich geben, sich nur über die Fans definieren. Ich finde Fans auch toll, aber manchmal kommt jemand um die Ecke und sagt sinngemäß: „Ohne uns Fans wärst du nichts“. Dann sage ich: „Nein, das stimmt nicht.“ Denn letzten Endes ist es eine Art von Tauschgeschäft, ich gebe ihnen schließlich auch etwas von mir. Niemand kauft mein Buch oder sieht meine Sendung aus Nächstenliebe.
Wirst du immer ein bestimmtes Ziel vor Augen haben?
Nein. Zielorientiert oder karrierefixiert war ich noch nie. Mit dem Ehrgeiz hatte ich schon immer ein Problem. Ich habe ihn einfach nicht. Das ist eigentlich nicht so super, denn ich vermutlich könnte viel mehr erreichen. Aber dieser Schweinehund will erstmal bekämpft und nicht nur gefüttert werden...
Was wäre ein guter Titel für deine Memoiren?
Ich glaube nicht, dass irgendjemand die Memoiren von Sarah Kuttner lesen möchte. Allein beim Gedanken daran wird mir schon langweilig.
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