FAZ, 03.05.2007

Kuttners Nerven

"Wenn ich überhaupt eine Vorbildfunktion habe, dann diese: Manche Sachen muss man einfach laut und deutlich in der Ich-Form aussprechen", sagt Sarah Kuttner. Sie war bei dem quirlig auftretenden, aber doch sehr spießigen Sender MTV im vorigen Jahr als beste deutsche Schnellsprechmoderatorin geschasst worden und brilliert seitdem als Publizistin. "Allen Nervenbündeln rufe ich zu: Lernt endlich, ich zu sagen, lernt endlich, Nervensäge zu sein!" Kuttner hat soeben ihr neues Buch "Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart" vorgelegt, einen metaphysischen Renner von schmerzlicher Intensität (ausführliche Rezension folgt). Es gibt in der Tat ernstzunehmende Leute, die sagen, man komme im Leben nicht drumherum, sein Ich vor die Wahl zu stellen: entweder Nervenbündel sein und zugrunde gehen oder Nervensäge sein und auf die Barrikaden gehen. Etwas Drittes dazwischen sei ausgeschlossen. Wenn Sie mich fragen: Ich halte diese Ansicht für richtig. Sie trifft den Nerv der Dinge. Und ich gratuliere all denen, die zwischen Nervenbündelsein und Nervensägesein ihre persönliche Entscheidung getroffen haben. Wer sich in dieser Sache nicht festlegen möchte, wer also glaubt schwanken zu dürfen zwischen Bündel und Säge, der täuscht sich selbst und setzt mit seinem unberechenbaren mal so, mal so den sozialen Frieden erst wirklich aufs Spiel. Immer mehr Menschen entscheiden sich, Nervensäge zu sein. Andere verharren in ihrem Bündelsein, und das ist schade. Sarah Kuttner hat recht: Man verlernt auf Dauer, "ich" zu sagen, wenn man die Dinge in sich hereinbündelt statt sie einfach - Ritzeratze! voller Tücke, in die Brücke eine Lücke - bei anderen kurz und klein herauszusägen. Kuttner bezeichnet ihr Nervensägesein denn auch als das, was es in Wahrheit ist: ein Akt der psychischen Hygiene, ein auf Dauer gestellter Befreiungsschlag. Die befreite Kuttner ist einerseits dies: der Inbegriff des schnellen, hochkomplexe Abläufe integrierenden Funktionsträgers von heute. "Ich würde jederzeit vier Stunden Umleitung in Kauf nehmen, um eine Stunde im Stau zu vermeiden", bekennt sie. "Ich habe generell ein Problem mit Langsamkeit." Andererseits ist sie durch ihre dysfunktionalen Umwege der Zeit weit voraus. Während andere sagen: In der Ruhe liegt die Kraft, sagt Kuttner: In der Ruhe liegt die Ruhe. Kraft findet sie allein in der Schnelligkeit. Ihre scheinbar verschwenderisch hervorgebrachten Fisimatenten gehorchen einer strengen Ökonomie - "fast alles in meinem Sägewerk ist Handwerk" -, kräftesparend hält Kuttner ihre Faktenregistriermaschine in Gang, passgenau greifen die Räder der Moderne ineinander. Und doch gibt es bei ihr ein Moment des Verzögerns. Es ist dieses Moment, das sie vorbildlich von der Masse der Idioten abhebt, die lieber eine Stunde lang als anonymes Nervenbündel im Stau stehen als vier Stunden lang in der Ich-Form zu nerven.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv



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