NEON, 04/2007



NEON: Sarah, am 3. August 2006 lief Deine Show "Kuttner" zum letzten Mal auf MTV. Hast Du Dich arbeitslos gemeldet?

Sarah Kuttner: Ich hab tatsächlich dran gedacht. Aber dann sah ich mich vor meinem geistigen Auge im Arbeitsamt sitzen, wie ich lange Fragebögen ausfüllen muss und von einem Sachbearbeiter dazu verdonnert werde, Rinderhälften zu tragen. Auch wenns eigentlich kackegal sein sollte und ich dem Staat viel Geld in den Rachen werfe: ich möchte da nicht gesehen werden, dafür bin ich zu stolz. Außerdem will ich mich nicht jedes Mal abmelden müssen, ehe ich einen Romantikurlaub antrete. Es ist auch nicht so, dass ich dringend Geld brauche oder nichts zu tun hätte: da waren die Moderationen während der WM, ich habe einen Film synchronisiert, gerade eine zweite Kolumnen-Sammlung als Buch veröffentlicht, war auf Lesereise - ich finde es sogar ganz erstaunlich, was ich in den vergangenen Monaten alles nicht geschafft hab, obwohl ich offiziell Ferien habe. Ich habe meinen Reisepass noch immer nicht verlängert.

NEON: Keine Langeweile?

Kuttner: Manchmal. Aber mir wird ja auch viel schneller langweilig als allen anderen Menschen. Die Hölle stelle ich mir als unendlich lange Warteschlange an einer Supermarktkasse vor, bei der kaum was voran geht und man bis in alle Ewigkeit ansteht. Ich würde auch jederzeit vier Stunden Umleitung in Kauf nehmen, um eine Stunde im Stau zu vermeiden. Ich habe generell ein Problem mit Langsamkeit. Und ich bin sehr impulsiv. Mir ist klar, dass viele Menschen mich und meine Gefühlsattacken anstrengend finden: ich werde superschnell wütend, superschnell glücklich und ganz doll schnell traurig. Mich machen Freunde wahnsinnig, die im Museum jede Texttafel zu jedem Bild lesen müssen oder eine halbe Stunde nach passendem Kleingeld suchen und dann fragen: "Hast du noch 13 Cent?" Vor lauter Ungeduld fange ich bei so was mit dem ganzen Körper an zu wackeln. Vielleicht hab ich ADS. Oder bin hyperaktiv. Was solls. Für meinen Job ist es wahrscheinlich ganz gut.

NEON: Manchmal hast Du in Deiner Sendung so schnell gesprochen, dass man Dich kaum verstanden hat.

Kuttner: Es gab Aufzeichnungen, bei denen ich mich hinterher selbst kaum verstanden habe. Ich hab mir oft vorgenommen, langsamer zu reden - aber schon das Sprechtraining beim Radio wurde nach der ersten Sitzung abgebrochen, weil der Sprachtrainer meinte, bei mir sei nichts zu machen.

NEON: Auf YouTube.com sind die Schlussminuten deiner letzten Show zu sehen. Du redest viel und sagst dabei eigentlich immer nur "Auf Wiedersehen, war schön, schade". Dann fängst Du an zu weinen und zeigst der Kamera den Mittelfinger. Bist du glücklich mit diesem Abschied?

Kuttner: Ärgerlich, dass kaum jemand diese letzte Sendung wirklich gesehen hat, sondern alle nur die heulende Kuttner während der letzten Minuten der Sendung von Youtube kennt. Die Leute, die das anklicken, die glotzen vermutlich auch bei Autounfällen. Pure Sensationslust. Der Abschied war trotzdem ok. Gegen die Tränen konnte ich gar nichts machen. Meine Redaktion hatte mir ein Foto von sich auf den Schreibtisch gestellt, unter dem stand: "Wir haben Dich lieb!" und "Jetzt nicht weinen!" Das hat natürlich überhaupt nicht funktioniert.

NEON: Mit wie viel Bitterkeit bist Du bei MTV gegangen?

Kuttner: Ich fands nicht gut, dass sie "Kuttner" eingestellt haben, aber ich kanns verstehen. Es ist ja nicht so, dass der Sender ein Kind verhungern ließ. Sie haben eine Sendung aus dem Programm genommen, die sie sich nicht mehr leisten wollten. Hätte ich mich selbst bezahlen müssen, hätte ich mich wahrscheinlich auch abgesetzt.

NEON: Trotz des professionellen Verständnisses hast Du öffentlich gegen MTV nachgetreten. "Als ich den Dreck sah, den MTV mit "Love is blind" produziert, bin ich wirklich erschrocken."

Kuttner: Das war nicht nachgetreten. Ich hab einfach meine Meinung gesagt. Die Sendung ist ja wirklich scheiße. Pornografie im Nachmittagsprogramm. Das habe ich damals auch genauso dem Programmchef gesagt als ich noch bei MTV war.

NEON: Was war die größte Qualität Deiner Sendung?

Kuttner: Ich glaube ich selbst war die größte Qualität. Nicht weil ich so immens super oder so gewesen wäre, sondern weil die Menschen die Show wegen mir gesehen haben. Und ich konnte machen, was ich wollte.

NEON: MTV hat deine Show beworben als "unangestrengtes Selbersein". Internet-Seiten wie MySpace.com oder YouTube.com bieten inzwischen jedermann eine Bühne, um dasselbe zu tun wie Du zuletzt in Deiner Fernseh-Show: sie können dort tun, was sie wollen. Schon mal Zukunftsangst bei dem Gedanken gekriegt, dass das kostenlose Unterhaltungs-Programm unzähliger Internet-Nutzer eine Show wie "Kuttner" überflüssig machen könnte?

Kuttner: Nein. Es klingt sicher doof, aber ich weiß ja, dass ich besser und unterhaltsamer bin als die meisten Menschen, die sich im Internet vor eine Kamera stellen. Ich habe viele E-Mails von Leuten bekommen, die behauptet haben: "Was du kannst, kann ich auch". Aber bei aller Liebe: das glaube ich nicht. Hinter "Kuttner" steckten viele Menschen, viele Gedanken, und vieles war einfach auch Handwerk, das man erstmal beherrschen muss.

NEON: Machst Du wieder Fernsehen?

Kuttner: Ich möchte schon, aber ich kann es nicht sagen. Natürlich ist das ein beschissener Beruf, den ich mir da ausgesucht habe: soviel Auswahl zwischen interessanten Konzepten für Fernseh-Shows gibt es eben nicht. Und ich mach nicht irgendeinen Mist, nur um wieder auf den Bildschirm zu kommen. Ich bin nicht besonders karrierefixiert. Und außerdem tendenziell faul.

NEON: Bis es wieder soweit ist, veröffentlichst Du weiter Bücher mit schönen Sätzen wie: "Coldplay machen live den Eindruck, nur gegründet worden zu sein, damit arbeitslose Lichtdesigner von der Straße kommen." Oder "Die Bloodhound-Gang ist der musizierende Sangria-Eimer unter den Rockbands. Die einzige Band, die es schafft, gleichzeitig eine Band und die Parodie auf eine Band zu sein." Tippst Du so schnell wie Du sprichst?

Kuttner: Ich tippe nur mit zwei Fingern und ständig daneben. Aber das verdammt schnell.

NEON: "Ich hab dauernd Kirmes im Kopf", hast Du mal erklärt. Wie lange denkst Du nach, ehe Du was sagst?

Kuttner: Ich denke beim Reden nach.

NEON: Schafft das nicht viele Probleme?

Kuttner: Warum? Ich benutze nur einfach mehr Worte als andere, um dasselbe zu sagen. Das nervt vielleicht, aber es kann auch ganz unterhaltsam sein.

NEON: Du hast dir vor laufender Kamera die Weißheitszähne ziehen lassen, erzählst öffentlich von einem Vibrator in deinem Handgepäck, hast dich für den Playboy ausgezogen - wie oft treibt dich deine Impulsivität zu Handlungen, die du im Nachhinein bereust?

Kuttner: Von diesen drei Punkten in deiner Aufzählung bereue ich gar keinen. Die Weißheitszahn-Operation war Teil meiner Show. Die Vibrator-Geschichte war nur ein Gag in einem Interview - aber selbst wenn: dann benutze ich eben einen Vibrator, was solls? Wenn ich überhaupt eine Vorbildfunktion erfüllen will, dann diese: manche Sachen muss man auch einfach laut aussprechen. Und die Fotos im Playboy waren einfach ein Abenteuer. Ich war damals eher der Kumpeltyp mit Turnschuhen und einer großen Klappe, und hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass jemand auf die Idee kommen könnte, mich für den Playboy zu fotografieren. Dann kam diese Anfrage, und ich dachte: warum nicht mal einen krassen Ausfallschritt in eine andere Welt machen? Ich fands spannend. Natürlich wichst da auch einer drauf, aber ich weiß nicht, wer es ist - und es ist mir egal. Auch wenn es natürlich nervt, dass mir immer noch irgendwelche Typen das Heft hinhalten, damit ich das Titelbild signiere. Aber ich unterschreibe nicht auf meinen Brüsten.

NEON: Ist Dir Dein Tempo gelegentlich selbst zu anstrengend?

Kuttner: Ich kann mich wahrscheinlich darauf verlassen, dass auch künftig in meinem Leben nicht alles glatt und sauber und vernünftig laufen wird. Weil ich so schnell bin, dass ich mir früher oder später immer selbst im Weg stehe. Aber genau dann wird�s auch oft lustig. Ich komm damit gut zurecht.

NEON: Du trinkst so gut wie nie Alkohol. Eine Vorsichtsmaßnahme, weil die Verbindung zwischen einer impulsiven Sarah Kuttner und hochprozentigem Wodka zu völlig unkontrollierbaren Zuständen führen würde?

Kuttner: Ich habe gar keine Angst vor Kontrollverlust. Ehrlich gesagt würde ich mich wahnsinnig gerne mal richtig betrinken. Aber Alkohol schmeckt mir einfach nicht. Und betrunken werde ich schon, wenn alle um mich herum blau sind. Dann mach ich auch Quatsch und verschicke zu viele SMS an die falschen Leute. Ich glaube, das sind dann wohl die viel zitierten körpereigenen Drogen.

NEON: Wie voll ist dein SMS-Speicher?

Kuttner: Gar nicht so voll. Ich archiviere die wichtigsten Nachrichten in einem Word-Dokument auf meinem Computer.

NEON: Du schreibst sie ab?

Kuttner: Ja klar. Sonst gehen die Nachrichten doch irgendwann verloren, wenn ich mir ein neues Handy kaufe oder der Speicher voll ist. Liebesbriefe hebt man doch auch auf! Es bringt mir immer wieder große Freude, alte Korrespondenz durchzulesen und sich an bestimmte Sachen zu erinnern. Manchmal schicke ich den betroffenen Menschen dann auch noch mal eine SMS und bedanke mich für die schöne Zeit - auch wenns vielleicht kacke auseinander gegangen ist.

NEON: Klingt sehr emotional.

Kuttner: Viele Leute denken, ich sei supertough und könne immer alles problemlos aushalten - aber so ist es nicht. Kritik tut weh. Liebeskummer tut weh. Eine verlorene Freundschaft tut weh. Blöd auf der Straße angelabert zu werden kann auch weh tun. Und wenn mir was wehtut, fange ich ganz schnell an zu weinen und kriege eine dicke Nase. Könnten die Idioten dieser Welt sich das bitte merken?



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