Tagesspiegel, Berlin, 03.08.2006
Große Klappe, letzte Klappe
Deike Dienig
Sie nennt sich "Frau mit Herrenhumor". Für den Musikkanal
MTV war sie viel mehr. Heute läuft dort Sarah Kuttners
Abschiedsshow
Es liegt an diesem Automatikgetriebe. Zu viel Zeit zum
Nachdenken jetzt, wenn sie nicht mehr schalten muss. Als Sarah
Kuttner neulich jemanden vom Flughafen abholen wollte, blödes
Getriebe, zu viel Zeit, da kamen die Tränen, so richtig mit
Schluchzen. "Ich wusste gar nicht, dass ich so ein Verdrängemeister
bin." Jämmerlich hat sie sich gefühlt. War das, ahnte sie, etwa doch
Zukunftsangst, die mehr fürchtet als den Mangel an Geld?
Ein paar Wochen vorher. Sarah Kuttner telefoniert mit ihrem
Manager, der gerade aus einem Treffen mit der MTV- Sendeleitung
kommt.
"Und, sind wir abgesetzt?"
"Ja."
"He, darüber keine Witze, das hatten wir ausgemacht."
"Es ist kein Witz."
Im blauen Golf, den VW der Moderatorin Sarah Kuttner überlässt,
springt zuverlässig die Verdrängung an wie die Air Condition.
Merkwürdige Übersprungshandlungen finden statt an diesem Tag, an
dem nach zwei Jahren die Nachricht kommt vom Ende ihrer Show. Der
Tag, an dem eigentlich alle arbeiten müssten aus dem Team und
sofort mit dem Schwänzen beginnen. Sie kaufen Eis, gehen in den
Park, kaufen einen Grill, nuckeln an Flaschen. Sie fangen wieder mit
den Witzen an. Sie sind ein Team, eine Familie, ein Universum. Über
zwei Jahre hat die Chemie gestimmt, sie besitzen eine spezifische
Dichte, und der Witz ist ihr Aggregatzustand. "Es war wie immer, aber
es lag eine merkwürdige Stimmung darunter."
Wie war es immer? Sarah Kuttner, bekannt für Geschwindigkeit
statt Satzbau, sitzt auf einem weißen Drehstuhl hinter ihrem
Moderationsschreibtisch und schneidet Gesichter. Sie interviewt
Prominente und ist um keine Antwort verlegen. Kuttners
Lieblingsbands machen Musik dazu. Sarah Kuttner ist die Leitfigur von
MTV.
MTV, selbst am 1. August 25 Jahre alt geworden, wirbt mit ihr als
"unorthodoxes Kamikaze-Entertainment oberster Kanüle", Erfolg habe
sie durch "unangestrengtes Selbersein". Sarah Kuttner geht also selber
in eine Studenten-WG zum Putzen, sie zerdrückt vor laufender Kamera
einen Käfer und unterhält sich mit dem Geistesmenschen Roger
Willemsen über Pickel. Manche finden das genial.
Noch vor knapp zwei Jahren schien es, als würde sie nie
erwachsen werden. Sie wunderte sich selbst darüber, wie sie so von
einem ins andere rutschte und feststellte, dass sie merkwürdigerweise
bei jedem Wechsel - vom "Spiegel"-Praktikum in London zu Radio
Fritz in Potsdam und dann zu Viva und MTV - sich selbst immer näher
kam. Irgendwann hatte sie eine Putzfrau.
Jetzt sitzt sie im Café Jolesch in Berlin- Kreuzberg. Sie hat heute
schon an verschiedenen Ampeln 50 Cent an Scheibenwischer verteilt
und ein Wiener Schnitzel gegessen. Bei den letzten Sendungen waren
die Quoten so gut wie nie. "Die hätte ich vorher gebraucht", sagt sie.
"Das ist ekliger Katastrophentourismus, die gucken mir alle beim
Sterben zu!"
Trotz allem hat sie sich für ihre letzten Sendungen noch alle Mühe
gegeben. "MTV, die zahlen pro Folge, die haben ein Recht auf
gleichbleibende Qualität." Qualität von der Kuttner TV GmbH. Es gibt
Sätze, die sagen nur Erwachsene.
Sarah Kuttner ist 27. Sie ist ernsthaft stolz, dass ihre Person einer
Zeitung so viel Platz wert ist, nämlich diesen hier. Mehrere Indizien
deuten sicher auf den Tatbestand hin, dass Sarah Kuttner erwachsen
geworden ist. Nicht, weil sie keine Witze mehr machen würde. Nicht,
weil sie ihre Schlagfertigkeit eingebüßt hätte. Sondern weil Sarah
Kuttner merkwürdige Dinge an sich entdeckt wie Einsicht und
Relativismus. Und weil nur Erwachsene ihren "Marktwert" kennen. Es
schaudert sie dann ein bisschen.
Als Kuttner zum Beispiel die Band "Silbermond" getroffen hat,
konnte sie nachher auf einmal nichts Schlechtes mehr über sie sagen.
Selbst bei Jeanette Biedermann ist es ihr so ergangen. "Ich habe so
einen komischen Relativismus an mir entdeckt", sagt sie. "Ich werde
auf eine so erwachsene Art erwachsen." Eine Schnippische, die nicht
mehr schnappen will. "Es gibt keinen Grund, immer auszuteilen", sagt
sie. Mut, sagt sie, bestünde ja auch im Gegenteil darin, etwas
antizyklisch gut zu finden. Statt etwas konsensartig schlecht zu finden.
Das Lied "Durch den Monsun" von Tokio Hotel hat sie gemocht, da
haben sich alle über sie lustig gemacht. "Ich habe den Song bei iTunes
gekauft, auf meiner Silvesterparty haben alle dazu getanzt, warum
soll ich das nicht zugeben?" Das nennt sie Stärke in der Schwäche.
Trotzdem halten sie alle immer noch für die Respektlose. Gäste
fürchten sich ein bisschen vor ihrer Show. Dabei merkt kaum einer,
dass sie vor allem mit sich selbst respektlos ist. "Zuschauer
verwechseln das", sagt sie.
Mit sich selbst, sagt sie, da kann man gnadenlos sein. Und das
mache umso mehr Spaß, als sie ja wisse, dass sie gar nicht ist, was
sie da spielt. Hässlich nämlich oder dumm. Niemals zum Beispiel
würde sie eine Sendung im Bikini moderieren, aber so mal
draufzoomen und sagen, "hier oben" - sie schiebt den Jeansrock hoch
und quetscht an ihren Oberschenkeln herum, "hier, Cellulitis" - das
würde sie machen. Alles eine Frage der Angemessenheit. Wissen, wo
was hingehört.
"Hey, ihr Wichser", sagt sie deshalb nur, wenn sie ihr
Redaktionsteam begrüßt. Und "Behindertenartenraten" haben sie dann
doch nicht in der Sendung gemacht. Dabei war das noch eine ihrer
milderen Ideen. Das Team, die Insel alles Erlaubten, hat eine ganz
private Schwärze.
Und dann, und das ist der Gipfel, denn das muss es sein, das
Erwachsensein: Sie sieht tatsächlich ein, dass MTV, wenn es denn
wirklich kein Geld mehr für alle Sendungen geben sollte, wohl am
ehesten ihre Kuttner-Show gehen lassen muss. "Ja", sagt sie vor
ihrem kalten Kaffee, "Sarah Kuttners Luxusprobleme." Und:
"Trotzdem, man hätte sich mich leisten können müssen." Sollen.
Dürfen.
Denn Sarah Kuttner kann nicht mehr zurück, die Metzgerlehre ist
keine Option. Ihr Leben hat sich verändert, es findet in der
Öffentlichkeit statt. Hinein gehören die Fans, die ihr
merkwürdigerweise immer einen Spruch drücken müssen, sobald sie
ihr irgendwo begegnen. "Die denken, ich mag das." Dabei hat sie
ehrliche Bewunderung viel lieber. Und mit Sprüchen brauchen sie gar
nicht antreten bei ihr, denkt sie, die verlieren immer. "Kommt alle",
sagt sie und saugt an ihrer Zigarette, "ich ziehe notfalls immer
schneller als ihr."
Zu ihrem Leben gehören nun auch die Widersprüche, die sie an
sich selbst feststellt: Sie guckt sich gerne die "Bunte" an, würde aber
ums Verrecken dort nicht auftauchen wollen. Sie ist ungern allein, wird
aber auch ungern auf der Straße angestarrt. "Ich will wissen, dass
Menschen da sind. Aber die sollen nicht wissen, dass ich da bin."
Sarah Kuttner würde manchmal am liebsten dem Leben nur zugucken,
aber die Leute haben sich daran gewöhnt, dass man Sarah Kuttner
zuguckt. Die Quote soll durchschnittlich bei 1,2 Prozent gelegen haben,
1,2 Prozent all jener, die Dienstag- und Donnerstagabend fernsahen,
haben ihr zugesehen. MTV war das zu wenig. Ende für die Leitfigur.
Jetzt wird sie erst mal viel Zeit haben. Sie wird ein bisschen Ferien machen. Sie wird mit ihrem Buch voller Kolumnen durchs Land
touren, "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens". Aber
wie soll diese Frau ohne Sendung leben, die es kaum ein paar Tage im
Urlaub an einem Ort hält, die schon Sonntage hasst, seit der Kindheit,
die Stadt so komatös, "als wenns geschneit hätte�" Sie braucht etwas
zu tun.
Und was sie jetzt alles so vorgeschlagen kriegt! Ja, fragt sie sich
da, gucken die denn gar nicht ihre Sendung? Haben sie überhaupt
verstanden, was sie da macht? Jetzt schlagen sie ihr Comedy vor! Sie
würde gerne etwas Reales produzieren. Lieber eine Interviewsendung
machen, und die dann witzig als etwas, auf dem dick "Witz" steht und
wo dann vielleicht doch keiner lacht. Etwas bei MTV, etwas bei den
Öffentlich-Rechtlichen, am liebsten spät. "Wir haben ja nichts neu
erfunden", sagt sie. "Ich bin ja nur eine Frau mit Herrenhumor."
Es ist wie mit den Blumen auf ihrem Balkon. "Ich habe von
Pflanzen keine Ahnung", sagt sie, aber ihr Balkon steht voller
Gewächse, deren Namen sie nicht kennt. Das Unkraut blüht hysterisch.
Als ihr Birnbaum alle Blätter abgeworfen hatte, wollte sie ihn
loswerden. Nein, versuch es noch mal, sagte ihre Putzfrau, "ich
glaube, der kommt wieder." So war es. Der Baum trieb noch einmal
neu aus. Sarah Kuttner hatte ja keine Ahnung, dass so etwas geht.
Dann klappert sie auf ihren rosa Holzbrettchen über das Kreuzberger
Kopfsteinpflaster zu ihrem Golf.
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