Ostseezeitung, 13.10.2006
Kuttner las in Rostock
Eine ansteckende Krankheit wünscht sich niemand. Es sei
denn, sie kommt in Form
eines kleinen Plüschtieres, persönlich überreicht von Allroundtalent
Sarah Kuttner, daher. Doch für Ebola, Fußpilz oder Mundgeruch muss
man während der Lesetour der Frau Kuttner einiges tun. Lesen zum
Beispiel. Aus ihrem Buch �Das oblatendünne Eis des halben
Zweidrittelwissens�, in dem sie ihre Kolumnen aus der Süddeutschen
Zeitung und dem Musikexpress veröffentlichte. Und zwar nach
folgendem Prinzip: Gast liest Frage, Kuttner liest Antwort.
Der erste, der sein Glück versucht, ist der Rostocker Philip
Kondachtschan. Charme, Humor und Heiratsantrag folgen. Ein wahrer
Fan. Sarah Kuttner schwebt auf Wolke sieben. Als ihr anschließend ein
Gast weiße Rosen auf die Bühne bringt, ist der Abend perfekt. �Es ist
ein bisschen so, als wäre ich Howard Carpendale�, freut sich die 27-
Jährige und macht es sich mit den Blumen im Arm stilecht auf einem
Sofa gemütlich.
Sven, den Co-Moderator ihrer ehemaligen MTV-Sendung,
verkörpert im Rostocker M.A.U.-Club Jörg Krempien vom
Lokalradiosender Lohro, der vom Publikum gestellte Fragen verliest.
Dies ist der kreative Part der kleinen Berlinerin. Den übersteht sie mal
schlagfertig, mal weniger. Mal mit einem Augenzwinkern oder mit
Schweigen.
Während Jörg den gesamten Abend neben Sarah auf dem Sofa
verbringen darf und immer mal wieder eine Gäste-Fragerunde
moderiert, muss Philip nach ein paar Sätzen zurück ins Publikum. Ein
schwerer Schlag für den Rostocker, der sein Leseabend-Amt abtritt an
drei weitere Mitstreiter.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz war Sarah Kuttner in
den vergangenen Monaten unterwegs. In die Routine schleicht sich
dennoch stellenweise Nervosität. Verlegen schraubt sie an
Wasserflaschen oder zupft an ihrem Schal. Dem Publikum im gut
gefüllten M.A.U. gefällt's.
Etwa eineinhalb Stunden dauert das Kuttner-Live-Show- und
Lese-Spektakel. Und auch das Urteil für das Rostocker Publikum fällt
gut aus. Unter die Top 5 sei die Hansestadt gekommen. Nicht
schlecht, bei knapp 30 Lesungen. �Das liegt daran, dass der Club hier
nur teilbestuhlt ist�, scherzt Sarah Kuttner zum Abschied. �Das
Publikum ist besser gelaunt, wenn es stehen muss. Ich hoffe nur, man
hat es euch vorher gesagt.�
Und auch Philip ist noch so begeistert, wie anfangs. �Es war
schön, ihr mal so nah zu sein. Ich war aufgeregt. Aber sie hat eine
wunderbare Aura.� Ganz überzeugt hat Sarah Kuttner den Rostocker
dennoch nicht. �Ich finde Nora Tschirner immer noch besser�, witzelt
Philip, bevor er sich ein Autogramm auf seine Eintrittskarte geben
lässt.
NADINE WAPNER
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