Kieler Nachrichten, 13.10.2006

Sarah Kuttner las im MAX aus ihrem neuen Buch

Nichts scheint heute langweiliger als die Vigilanz des langen Blickes oder die elegante Stichhaltigkeit der späten Antwort. Sarah Kuttner, Ex-VIVA- und MTV-Moderatorin und derzeitige ME- und SZ- Kolumnistin, begibt sich im fast ausverkauften MAX lieber auf Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens, so der Titel der Tour und ihres aktuellen Buchs. Schlittert fast zwei Stunden mit vollem Karacho über die brüchige Oberfläche und kommentiert die vorbeisausenden Zeitgeister schnell, vorlaut und selbstredend sehr flüchtig.

Doch genau das wollen die Leute von der 27-jährigen Quasselstrippe. In einem Mix aus interaktiver Lesung und erstaunlich großem Interviewblock, in dem sich Kuttner von Susanne aus dem Publikum Fragen aus demselben vorlesen lässt. Susanne ist die Mutter von Kuttner-Fan und Volkers Lebensabschnittsgefährtin Chrissi und sie glaubt, dass Engel Sex haben. Derlei erfährt man im lockeren, belanglosen Couchpläuschchen über Kuttners Bühnengast. Was man im Zuge über die Tochter der Berliner Radiolegende Kuttner erfährt, sind Nebensächlichkeiten vom Autoaschenbecherzustand über berufliche Zukunftspläne, Musikgeschmack bis zu Vorbildern. Manchmal ist Sarah Kuttner da ziemlich komisch, weil sie so schön schnell und unbedacht antwortet. .

Ein anekdotisches Trallala, das zwischen gelungen komisch und nervtötend banal changiert. So funktionieren auch ihre Kolumnen; aufgeladen mit blumigen Superlativen, ziselierten Plattheiten und gelegentlichen semantischen und thematischen Volltreffern. Fritz-Cola und Bionade als Indie-Brause zu demütigen und bei der Debatte um die brutale Darstellung in Comic-Verfilmungen wie Sin City aufzuzeigen, dass Comics generell bewusst mittels stilisierter Comicsprache überzeichnet seien und man mit 18 so gefestigt sein sollte, um reale von überzeichneter Comicgewalt unterscheiden zu können, wie man ja auch Donald Duck und Goofy deutlich vom eigenen Bekanntenkreis unterscheiden könne - das hat schon nonchalante Schärfe und flapsige Sichtweise, die Kuttner gut zu Gesicht steht. .

So taumelt die verbale Schrotflintenschützin mit nervösem Finger zwischen Geistesblitz und dröhniger Assoziation, pointierter Meinung und Wischiwaschi-Ansicht, unterhält mit gnadenloser Selbstdarstellung, beglückt die einbezogenen Vorlesehelfer des Abends mit Krankheitserregern nachempfundenen Plüschtieren und macht da weiter, wo ihr MTV den Boden entzogen hat: mit einer Personality- Show, in der Kuttner mehr zählt als ihre Themen.

Von Manuel Weber



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