V.i.S.d.P., 06/2006

'Na Herzchen? Bißchen am Ohrfeigenbaum gerüttelt?`

Zum ersten Mal habe ich Dich 1998 im Fernsehen gesehen, als Du bei VIVA während des Bundestagswahlkampfes "Who the fuck ist Müntefering" gesagt hast. Das war gar nicht als Provokation gemeint, oder?

Nein! Ich mache selten etwas, nur um zu provozieren. Ich mache Sachen, die provozieren, aber ich mache sie nicht, um zu provozieren. Das war damals einfach die Anmoderation für Müntefering, der ja nicht unbedingt zielgruppenaffin ist. Darum habe ich gesagt: "Viele von Euch werden jetzt vielleicht denken: Who the fuck is Müntefering?" Mehr war da nicht.

Gabs Ärger?

Es gab zu keinem Zeitpunkt Ärger. Aber die Medien fischen sich so was raus, weil es so super jung, verrückt und provokativ klingt.

Geht Dir das oft so?

Klar. Frech, Berliner Schnauze und so. Na ja. Wenn in deren Wortschatz das Wort "frech" mich am besten definiert, dann sollen sie es halt benutzen. Ich finde es aber nicht gut, wenn die Leute sagen, dass ich um des Provozierens Willen provoziere, denn so ist es nicht.

Bestimmte Dinge in Deiner Sendung sind schon Provokationen. Als Du Dich an Uwe Barschels Todestag angezogen in eine Badewanne gelegt hast, zum Beispiel.

Ich hab mich nicht nur in die Badewanne gesetzt, weil Barschel Jubiläum hatte. Wir haben das zum Anlass genommen die Badewanne als kultur- und politikhistorischen Ort zu featuren. Viele wichtige Ereignisse sind in Badewannen gefällt worden.Also dachten wir: Es macht Sinn, einen Tag in der Badewanne zu moderieren.

Der Anlass war aber doch Barschel?

Das Jubiläum war ausschlaggebend. Aber es war uns wichtig, diese Aktion nicht ausschließlich an Barschel aufzuhängen. Sonst wäre es simple Provokation und dazu eine, die doof wäre.

Bei MTV und VIVA regt sich wahrscheinlich niemand auf, denn Du mal "Scheiße" sagst, während das bei Deiner Grand-Prix-Vorentscheidungs-Moderation vor ein paar Jahren eine Art Skandal war.

Es war kein Skandal und es handelt sich vermutlich um einen Generationskonflikt. Es ist ja nicht so, dass ich die Sendung beginne, und alle Fäkal-Wörter, die ich kenne, so häufig wie möglich sage. Aber es gibt Momente, in denen man das sagt. Würde man darüber nachdenken, würde man sehr wohl zu dem Schluss kommen, dass das gar nicht so schlimm ist. Dann fetzt es aber für die Presse auch nicht mehr, so was in einem Artikel zu benutzen. Weißt Du was ich meine?

Hm.

Die ARD hatte natürlich hysterische Angst. Wie oft die vor dem Grand Prix zu mir gekommen sind und gesagt haben: "Frau Kuttner, denken Sie daran: Es ist eine ARD-Veranstaltung." "Ich weiß!" Mich ärgert es, auf "frech" reduziert zu werden. Seit Jahren arbeite ich, und wie ich finde auch gut und durchaus durchdacht. Alles was dann hängen bleibt ist so was. Wie dumm muss man denn sein, um sich aus einer ganzen Sendung nur das Wort "Scheiße" zu merken?

Hat die ARD immer noch Angst? Auch vor Deinen WM-Beiträgen?

Eigentlich nicht, man lässt mir komplette Freiheit. Allerdings haben wir neulich eine Umfrage gemacht: Was würden Sie alles für ein WM-Ticket machen? Einen kleinen Jungen habe ich gefragt: Würdest Du zum Beispiel zu Deinem Vater "Du doofe Kuh sagen?" "Klar", sagt der. "Würdest Du auch zu Deinem Papa sagen: Ich gehe heute Abend nicht ins Bett?" "Klar." Das fand man nicht so gut und so wurde es eben rausgeschnitten. Weil man nicht unterstützen wollte, dass Kinder ihren Eltern widersprechen. Das fand ich ein bisschen übereifrig.

Du machst erst seit fünf Jahren Fernsehen. Trotzdem wirkst Du so wahnsinnig professionell.

Ich mache immer noch einen Menge falsch. Ich sage häufig in Interviews mehr als ich wollte, Dinge, die ich lieber nicht gedruckt sehen würde.

Zum Beispiel?

Zu intime Sachen über mich zum Beispiel. Aber man lernt aus diesen Fehlern und vermeidet sie beim nächsten Mal. Das ist eben Handwerk. Das Interviewgeben gehört dazu. Ob mich der Beruf persönlich verändert hat, kann ich nicht beurteilen, aber ich halte mich immer noch für einen netten Menschen. Meine Freunde frage ich manchmal eher schüchtern: Sag mal, findest Du, dass ich doof geworden bin? Solange die Nö! sagen, gehts mir gut.

Vielen Fernsehleute gelingt es nicht, normal zu bleiben. Was machst Du anders?

Ich bin ja nicht hysterisch berühmt wie Oliver Kahn oder Stefan Raab. Natürlich trifft es mich, wenn ich etwas Kritisches über mich lese. Aber ich habe gelernt, Kritik aus der Zeitung nicht an mich heranzulassen. Genauso wenig wie Lob. Da muss man konsequent sein. Und dass die Zeitungen darüber schreiben dürfen, mit wem ich gerade knutsche oder nicht, damit muss ich leben, ich kaufe schließlich auch die GALA um zu lesen mit wem andere Leute knutschen.

Welche Kritik nimmst Du ernst?

Natürlich die von den Menschen, mit denen ich arbeite. Außerdem bin ich selber wahnsinnig kritisch mit mir und mit den Sachen die ich mache. ZU sehr. Es wäre gut, wenn ich mich in dieser Hinsicht wirklich ein bisschen entspannen könnte. Es gibt ganz selten Momente, wo ich denke: das habe ich wirklich gut gemacht! Ich könnte das häufiger gebrauchen.

Die Kritiker mögen Dich auch.

Inzwischen glaube ich, dass die meisten einen nur instrumentalisieren. Für die ARD-WM-Einspieler kriege ich hier und da auf die Mütze, obwohl ich dort exakt das mache, was ich seit 2 Jahren in meiner "viel gelobten" Sendung mache. Einfach weil es auch ganz gut passt, das zusammen mit der allgemeinen Fußballberichterstattung der ARD zu bashen. Oder man sagt, MTV wäre scheiße, nur die Kuttner nicht. Man kann mich immer benutzen, um irgendjemanden doof zu finden. Anke Engelke damals: Meine Sendung war noch nicht auf dem Sender, da war ich schon die neue Anke, damit sie noch mal einen Tritt mitkriegt. Man darf das den Kritikern nicht glauben, auch nicht das Lob.

b>Ich habe Lob aufgeschrieben, aus der FAZ.

Ach ja, dieser verliebte aber verrückte Artikel!

"Den Konstruktivismus hat Kuttner in sich, ohne dass er eine Chance hätte, sich bei ihr zur Position zu verfestigen." Sagt Dir das was?

Ich hab den Artikel gelesen und nur die Hälfte verstanden. Trotzdem, generell freue ich mich über so etwas natürlich, aber deswegen denke ich nicht, dass ganz Deutschland Fan von mir ist.

Ich hab noch ein Zitat.

Na los.

"In ihrem Buch kein falscher Ton, nirgends. Das liegt daran, dass sie nie in irgendeiner ontologischen Pause versackt - Pausen sind ihr so und so ein Gräuel - sondern beweglich die Perspektive des funktionalen Äquivalents durchhält."

Ja, macht doch Sinn! (grinst)

Er meint vielleicht, dass Du sehr kommunikativ bist.

Na klar, was denn sonst? Dafür werde ich bezahlt. Die Leute schalten nicht die Sendung ein, damit ich die ganze Zeit die Klappe halte. Wie hier im Interview mit Dir: Du fragst mich was, ich antworte. Das ist Teil des Jobs - wir sind ja nicht privat hier - aber das macht mir Spaß.

Was ist das Rezept für Deine Interviews?

Wie jeder Interviewer möchte ich, dass das Gespräch so einzigartig wie möglich ist. Die Chancen, dass das funktioniert, laufen gen null. Also versuchte ich, irgendwie an den Menschen heranzukommen, eher zu plaudern, als zu fragen, weil sie dann eher etwas Lustiges oder Spannendes sagen. Ich will Leute nicht angreifen, es muss aber trotzdem möglich sein, eine kritische Frage zu stellen. Die stelle ich dann vielleicht nicht gleich am Anfang.

Wie redest Du mit unsympathischen Gästen?

Die lad ich nicht ein. Stellen sie sich erst im Gespräch als unsympathisch heraus und werden in selten Fällen richtig böse, dann werde ich auch zurück böse. Es ist immer noch "zu Gast bei Freunden". Ich bin dann nicht einfach der kühle Profi. Es muss möglich sein, zu sagen: "Na Herzchen, bisschen am Ohrfeigenbaum geschüttelt?"

Welche Fernsehsendungen findest Du gut?

Ich gucke Fernsehen fast ausschließlich zur Entspannung. Je sinnentleerter, desto besser funktioniert das - natürlich! Mein Papa hat mal gesagt, dass man beim Fernsehen ähnlich viele Gehirnströme hat wie beim Schlafen - was erschreckend ist, aber die Entspannungstheorie festigt. Ich gucke vor allem Serien auf DVD. Sopranos, Six Feet Under ect. Zur Zeit die Gilmore Girls, sechste Staffel, aus dem amerikanischen Fernsehen aufgenommen. Ich gucke so was immer so exzessiv, dass ich wirklich glaube, dass die Leute meine Familie und Freunde sind.

Bist Du eine leidenschaftliche Fernsehzuschauerin?

Nein, wie gesagt, ich bin fast im Halbschlaf beim fernsehen. Ich habe neulich erst nach einer halben Stunde gemerkt, dass ich "Frauentausch" geguckt habe. Ab und zu sehe ich diese Promi-Magazine, die natürlich eigentlich auch der Teufel sind, aber es ist halt wie GALA lesen. Und hin und wieder bleibe ich bei Dokumentationen hängen. Zum Beispiel über Alexandra, die Sängerin...

Ah: "Mein Freund der Baum ist tot"!

Genau. Die Umstände ihres Todes sind wohl nicht so final geklärt. In ihrem Dorf wollte keiner über das Thema reden. Das war ganz toll, weil man dachte: Hui, die wurde sicher von der Mafia umgebracht oder so. Dokumentationen guck ich gerne. Von "Hitler und seine Hunde" bis irgendwas über Rentner in Paris. Hab ich neulich gesehen. Ich weiß nicht, warum ich immer bei so was hängen bleibe.

Du hast inzwischen eine eigene Produktionsfirma und Deine Konzert-Reihe "Kuttner on Ice". Hättest Du Lust, irgendwann noch mehr Verantwortung zu übernehmen? Intendantin zu werden zum Beispiel?

Hey! Ich bin doch erst 27! Ich kriegs ja noch nicht mal auf die Reihe, die schlechte Milch aus meinem Kühlschrank weg zu werfen. Wie soll ich es dann auf die Reihe kriegen, Intendantin zu sein? Nö.

Okay. War nur eine Idee.

Nein, aber vielen Dank.

Wie hast Du erfahren, dass Deine Sendung abgesetzt wird?

Ich habe mich mit dem Programmchef getroffen und über die Zukunft geredet. Die Zukunft hieß: Es wird keine zweite Staffel von "Kuttner" geben.

Hattest Du damit gerechnet?

Um ehrlich zu sein: nein. Da war ich eher überrascht. Man denkt kurz: oh. So. Dann lässt man das alles sacken, dann fällt einem ein, welche Konsequenzen das hat und dann ist man traurig und ein bisschen wütend und so. Ich hatte schon vorher Momente, in denen ich dachte: vielleicht will ich keine weitere Staffel - es ist schließlich wahnsinnig anstrengend, so intensiv kreativ zu arbeiten. Aber ich hätte es gerne selber entschieden.

b>Keine Wut auf den Sender?

Das ist eben so. Da hat jemand nachgerechnet und dann wollten sie sich die Sendung nicht mehr leisten. Deswegen sage ich nicht: Musikfernsehen ist der Feind. Das wäre nicht richtig.

Andere sagen das schon.

Natürlich ist Musikfernsehen sehr viel kommerzieller geworden in den letzten Jahren. Aber die spielen immer noch Musik, MTV in den letzten Monaten soagr wieder vermehrt gute. Es wäre zu einfach, alles scheiße zu finden. Es gibt keinen Grund, denen in den Rücken zu schießen und es hat auch keinen Sinn, die Sache mit meiner Sendung persönlich zu nehmen, denn ich weiß, dass sich das nicht gegen mich richtet. Jemand in Amerika, der die Show nie gesehen hat, rechnet nach und stellt fest, dass "Kuttner." teurer ist als "Pimp my Dingsbums" und beschließt, dass man sich so eine Sendung eben nicht leisten will. Dumm, traurig, schade, aber das ist so.

Könnte es sein, dass Du die beste Sendung Deiner Karriere schon hinter Dir hast?

Nein, so pessimistisch bin ich nicht. Ich habe aber vermutlich die beste Sendung meiner Karriere im Musikfernsehen hinter mir. MTV möchte ja auch gerne mit mir weiter arbeiten. Das Problem ist nur: Alles was ich da machen würde, wäre ein Abstieg im Vergleich mit dem was ich da noch bis August machen darf. Ich habe in den letzten Jahren genug Geld gespart, ich kann es mir also leisten mir ausführlich über meine Zukunft Gedanken zu machen und nicht sofort den nächstbesten Quatsch-Job zu nehmen.

Viele Fernsehleute haben Existenzängste, egal wie erfolgreich sie sind. Keine Angst, es könnte einmal nicht weitergehen?

Nö. Ich könnte von dem Geld erst mal ein paar Jahre leben. Oder Radio machen. Und ich gehe auf Lesetour, und bin also nicht arbeitslos. Ich muss nur überlegen, was ich will.

Genau: Was willst Du?

Ich möchte Fernsehen machen für Leute wie meine Freunde. Sympathische, schlaue 18-35-Jährige. Deswegen werde ich kein Kulturmagazin für 40-Jährige moderieren. Das bin ich nicht. Ich möchte kein Service-Moderator sein, der Leute rein- und rausmoderiert. Ich habe eine Personality-Show und das macht mir Spaß. Außerdem wird mir ein Monat Urlaub nach zwei anstrengenden Jahren gut anstehen. Deswegen: Es wird ein prima August.



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