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Teleschau - der Mediendienst, 10.06.2006
'Fußball ist ein Sozialzusammenführungsmoment'
Ein knappes Jahr moderierte Sarah Kuttner ihre eigene Sendung bei MTV. Vor kurzem erteilte der Musiksender der 27-Jährigen jedoch den Laufpass: keine zweite Staffel für "Kuttner.". Doch zum Trübsal blasen bleibt der Plaudertasche kaum Zeit. Im März brachte sie ihr eigenes Buch heraus: "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens". Im August geht sie auf Lesetour. Und die ARD hat Sarah bereits als Reporterin für die Sender-Spieltage engagiert. Ab 10. Juni wird die quirlige Berlinerin zu später Stunde im Ersten kleine Fußball-Reportagen aus ihrer Heimatstadt präsentieren. Dabei ist Sarah Kuttner überhaupt kein Fußball-Fan - wie sie vorsichtshalber gleich selbst vorausschickt.
Sarah Kuttner: Ich kenne mich mit Fußball überhaupt nicht aus. Mich interessiert das so wenig.
teleschau: Warum moderieren Sie dann diese ARD-Reportagen rund um Fußball-Berlin?
Sarah Kuttner: Ich habe natürlich trotzdem eine Sicht auf die Dinge. Außerdem finde ich es schön, wenn viele Leute gemeinsam Fußball schauen. Da ist die Stimmung immer sehr nett. Ich persönlich sehe den Sport eher als eine Art Sozialzusammenführungsmoment. Alleine würde ich mir nie ein Spiel ansehen und wenn, dann nur das Finale. Wobei ich immer das nervige Mädchen wäre, das fragt: "Welche Mannschaft sind wir? In welches Tor müssen wir schießen?"
teleschau: Wie wird dann Ihre Art der Berichterstattung aussehen?
Sarah Kuttner: Ich präsentiere nur kleine unterhaltsame Zweieinhalb-Minüter. Wie auch in meiner Sendung "Kuttner." wird es viel um mich selber gehen. Ich stolpere in Berlin über merkwürdige oder aber interessante Sachen, die in irgendeiner Form mit Fußball zu tun haben.
teleschau: Wie zum Beispiel ...?
Sarah Kuttner: Wir werden Oli Kahns Geburtstag (geboren 15. Juni 1969) feiern. Wir werden Leute begleiten, die sich gar kein Spiel ansehen. Und wir werden prüfen, ob das Motto "Zu Gast bei Freunden" tatsächlich so sehr zieht, dass die Berliner mich bei sich zu Hause wohnen lassen.
teleschau: Sie selbst sind ja gebürtige und begeisterte Berlinerin. Was lieben Sie so sehr an der Stadt?
Sarah Kuttner: Berlin ist meine Heimatstadt. Hier habe ich zum ersten Mal geküsst, geliebt und getrunken. Die Stadt ist groß, die Mieten sind günstig, es ist einfach schön, hier zu sein. Mehr Lokalpatriotismus muss ich mir eigentlich nicht erlauben.
teleschau: Sie waren kürzlich mit ihrem Buch "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" auf einwöchiger Promotour, unter anderem auch in Berlin. War das ein Heimspiel für Sie?
Sarah Kuttner: Das dachte ich zuerst. Aber im Gegenteil. Die Berliner waren recht skeptisch und zurückhaltend, nach dem Motto: "Na ja, erst mal sehen, was die da macht." Ansonsten war das toll. Im Studio frage ich mich manchmal, ob das überhaupt bei den Leuten ankommt, was ich da erzähle, weil das Publikum häufig eher zurückhaltend ist. Wenn dann aber 400 Leute bei den Lesungen lachen, tut das schon gut.
teleschau: In welchen Städten wird man Sie noch zu hören bekommen?
Sarah Kuttner: Mitte, Ende August bis September gehe ich auf Lesetour durch alle größeren Städte der Bundesrepublik. Wir haben einfach eine Deutschlandkarte gekauft und eingezeichnet, wo wir schon waren und wo wir noch hin müssen.
teleschau: Das Buch ist eine Sammlung ihrer "SZ"- und "Musikexpress"-Kolumnen. Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann einen Roman zu verfassen?
Sarah Kuttner: Der Fischerverlag wollte das ganz gerne. Ich sagte aber, kann ich nicht, will ich nicht, reizt mich nicht. Deswegen wurden dann meine Kolumnen veröffentlicht.
teleschau: Woher stammt dieser lange, ungewöhnliche Titel?
Sarah Kuttner: Er ist Teil einer meiner Kolumnen. Damals wurde ich zum Thema H-Milch befragt. Darauf antwortete ich, dass ich mich auf das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens begebe, weil ich keine Ahnung von H-Milch habe. Das fand ich als Titel für das Buch ganz passend, denn ich habe von vielen Dingen, um die es darin geht, keine Ahnung.
teleschau: Sie scheinen schon wieder viel beschäftigt zu sein. Dabei hat MTV erst vor kurzem bekannt gegeben, dass die Verträge für ihre Show "Kuttner." nicht verlängert werden. Wie haben sie diese Nachricht aufgenommen?
Sarah Kuttner: Um ehrlich zu sein, war ich überrascht. Dann bekam ich etwas Schiss. Immerhin habe ich eine Redaktion von zehn Leuten, die wegen der Sendung nach Berlin zogen. Ich dachte mir: "Die haben jetzt alle keinen Job mehr."
teleschau: Hat das Aus Sie nicht auch persönlich getroffen?
Sarah Kuttner: Natürlich finde ich es doof, dass der Sender meine Show nicht mehr will, denn das war in gewisser Hinsicht mein Baby. Aber die wollen sie nicht deswegen nicht weiterführen, weil sie schlecht war, sondern zu teuer. Und das kann ich leider sogar verstehen.
teleschau: Denken Sie im Nachhinein: "Dieses und jenes hätte ich besser machen können"?
Sarah Kuttner: Das tue ich jeden Tag. Ich bin sehr kritisch mit mir selbst, so sehr, dass es wahrscheinlich gar nicht mehr gesund ist. Mir würde ein bisschen mehr Entspannung gut zu Gesicht stehen.
teleschau: Was werden Sie am meisten an "Kuttner." vermissen?
Sarah Kuttner: Auf alle Fälle die Mitarbeiter meiner Redaktion, die in den letzten zwei Jahren zu Freunden geworden sind. Wir sind ein lustiges, total nerviges Päckchen Menschen, das sich seine eigene Humorfestung gebaut hat. Und egal, was ich weiterhin mache, ich werde wahrscheinlich nie wieder die Gelegenheit haben, so tolle Bands einzuladen, die in meinem Cosmos Superstars waren.
teleschau: Welcher Studiogast hinterließ bei Ihnen den bleibendsten Eindruck?
Sarah Kuttner: Ziemlich aufgeregt war ich bei Michael Stipes. Bei dem dachte ich mir: "Meine Güte, der sitzt jetzt hier." Lemmy, den Bandleader von Motörhead, im Studio zu haben, war auch etwas Besonderes. Der hat halt auch die ganze Zeit gesoffen wie ein Loch.
teleschau: Zum Schluss noch die Fußball-Frage schlechthin: Wer wird Weltmeister?
Sarah Kuttner: Keine Ahnung. Ich lege so wenig Leidenschaft in dieses Thema hinein. Hauptsache, irgendeiner gewinnt am Ende, und, ja, es wäre schön, wenn das Deutschland wäre. Ich finde es doof, wenn Leute aus Prinzip für ein anderes Land sind.
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