goettingeneins.de, 24.03.2006

Live-Interview mit Zwischendurch-Lesung

Sarah Kuttner, charmante Schnellquasselerin in Diensten von MTV, moderiert sich nicht einfach nur zwei Mal pro Woche auf unnachahmliche Weise durch ihre Sendung, sie schreibt auch bezaubernde Kolumnen für die Süddeutsche Zeitung und den Musikexpress, die soeben in Buchform unter dem Titel "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" erschienen sind.

Ganz nebenbei hat Sarah auch noch einen ganz formidablen Musikgeschmack und ein unerschöpfliches Wissen über die wichtigsten Indieschrammel-Bands dieses Planeten. Dachten wir zumindest.
Sarah, dir wird meist ein überragender Musikgeschmack attestiert. Ich würde gern mit dir über Musik sprechen.
[lacht] Das können wir gern versuchen, aber ich muss dich vorwarnen: Ich habe gar nicht so viel Ahnung von Musik, wie die Leute mir immer unterstellen.
Wie bitte? Du machst Witze!
Wirklich nicht. Die Leute glauben oft, dass ich mir die Bands in meiner Sendung alle selbst aussuchen würde. Stimmt nicht. Jeder in der Redaktion macht seine Vorschläge, wen man mal einladen könnte. Natürlich bin ich am Ende diejenige, die es absegnet. Aber nicht jede Band, die bei mir auftritt, finde ich persönlich auch super. Es gibt viele Bands, die wahnsinnig relevant sind, die ich aber entweder nicht verstehe oder die mich gar nicht berühren.
Die da wären?
Die Hives sind so ein Beispiel. Jeder findet die super, ich ganz persönlich kann mit denen aber gar nicht so viel anfangen. Trotzdem können sie natürlich bei mir in der Sendung auftreten. Neulich hatten wir The Infadels zu Gast. Die gehen mir auch komplett am Arsch vorbei. Ich kannte die auch gar nicht, hatte nur den Namen schon mal gehört. Im Musikexpress oder Rolling Stone waren sie wahrscheinlich die Platte des Monats. Mir persönlich hat�s aber nichts gegeben.
Was läuft denn momentan bei dir privat?
Also ich bin just aus dem Auto gestiegen, und da lief Belle & Sebastian. Immer und immer wieder dasselbe Lied. Ich bin nicht unbedingt so eine Album-Hörerin, meist höre ich einzelne Songs. Ich habe auch gerade das CD-Brennen entdeckt und brenne mir seit Tagen unnütze Compilation-Mixtapes mit allen Songs, auf die ich immer Bock habe. Da ist aus allen Richtungen was dabei � wie eine gute DJ- Platte.
Bekommst du die meisten Sachen von den Plattenfirmen geschickt oder kaufst du auch vieles selbst?
Vieles wird direkt in die Redaktion geschickt. Aber es gibt so ein paar Platten, die finde ich so gut, dass ich die gerne ganz allein für mich kaufen möchte. Ich habe alle meine Platten auf dem Computer, von daher kaufe ich viel über iTunes. Und bevor wir uns hier falsch verstehen: Ich habe noch nie irgendwas illegal aus dem Netz gezogen, ich weiß nicht mal, wie das geht. Außerdem finde ich: Wenn ich schon Geld habe, kann ich die Sachen auch kaufen.
Wie ist das, wenn du dir mal einen richtig bitteren Fehlkauf geleistet hast?
Ist mir noch nie passiert. Ich kaufe mir nur Platten, die ich ganz dringend haben muss und von denen ich weiß, dass sie gut sind. Manchmal entdecke ich gute Platten auch erst nach einiger Zeit. Es gab schon einige Fehlkäufe, bei denen ich dann zwei Jahre später festgestellt habe, dass das doch sehr gute Musik ist. Platten sind wie Bücher: Man hebt sie auf. Es sei denn, sie sind richtig scheiße!
Bist du mit dem Gutfinden schnell dabei oder musst du dir viele Bands erst schön hören?
Ich bin da gar nicht so leidenschaftlich. Wenn ich Platten zugeschickt bekomme, freue ich mich nicht wirklich. Ich denke dann eher: "Fuck! Jetzt hier fünf Platten hören, und ich find die bestimmt alle kacke beim ersten Mal und brauche fünf Anläufe, bis ich das verstehe oder gut finde." Eine Platte muss mich spätestens beim zweiten Durchlauf kriegen, sonst ist das nichts für mich. Wenn ich abends weggehe, läuft in den Clubs meist eh immer dasselbe, und irgendwann finde ich das dann so super, dass ich zum DJ gehe und frage, was es ist. Und dann stellt sich vielleicht heraus, dass es die neue "Clap Your Hands Say Yeah"-Single war, die ich eigentlich wahnsinnig kacke finde. Und dann muss ich mir das Album eben doch noch mal anhören.
Du schreibst eine Kolumne im Musikexpress. Auch wenn es mit der Objektivität sicher nicht weit her ist: Welche Zeitschrift gehört zur Orientierung unbedingt abonniert � Musikexpress, Rolling Stone, Visions, Spex?
Ich habe tatsächlich den Musikexpress und die Spex abonniert. Visions ist mir zu rockorientiert, und der Rolling Stone liest sich für mich nicht so schön, weil die sich oft zu ernst nehmen. Die Herren beim Musikexpress sind da schon ein bisschen selbstironischer. Die Spex lese ich trotz Abo schon seit einem Jahr nicht mehr. Die liegt meist nur rum und ist mir irgendwie etwas zu anstrengend.
In deiner Kolumne in der Süddeutschen Zeitung beantwortest du stets etwas abwegige Leserfragen. Warum dieses Konzept?
Ich finde das wahnsinnig entspannt, weil ich ein riesiger Fan bin, wenn es darum geht, Sachen auszufüllen. Du kannst mir ein Anmeldeformular vom Reisepass hinlegen, und ich freue mich wie ein kleines Kind. Ich habe total Bock, auf Fragen zu antworten, und ich mache auch Interviews wahnsinnig gern. Insofern muss ich bei dieser Kolumne gar nicht eigenständig denken. Ist doch toll, oder nicht?
Die gesammelten Kolumnen sind jetzt unter dem Titel "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" erschienen.
Ich habe versucht, einen einfachen Titel zu finden. Wie findest du ihn?
Wunderschön! Erinnert mich an verrückte Songtitel von den Ärzten.
Ich fand das so treffend! Das stammt ja aus einer der Kolumnen, irgendwo habe ich geschrieben, dass ich mich jetzt auf das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens begebe, wenn ich diese Fragen beantworte. Und das trifft es so perfekt: Meine Antworten sind eben nur Zweidrittelwissen. Alles larifari, weil ich es doch auch nicht immer besser weiß.
Das Konzept mit Fragesteller wird in Göttingen beibehalten - da sitzt Michael Mertens mit dir auf der Bühne.
Ich habe in meinem Leben noch keine Lesung gemacht und finde das wahnsinnig verwirrend. Ich denke immer: "Oh Gott, warum sollte jemand auch nur einen Euro Eintritt zahlen, um mich eineinhalb Stunden aus meinem Buch vorlesen zu sehen?" Das ist das Prinzip einer Lesung, das ist mir schon klar, aber für mich fühlt sich das trotzdem wirr an. Wenn ich jemanden dabei habe, ist das so eine Mischung aus Live-Interview mit Zwischendurch-Lesung. Mal gucken, wie das wird!
Ganz sicher großartig! Vielen Dank für das Gespräch!

Autor: Oliver Kucharski

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